Als ich vor 42 Jahren erstmals mit Projektmanagement-Software zu tun hatte, war das Produktangebot noch sehr übersichtlich. Mehr als eine Handvoll Programme gab es nicht zur Auswahl. Nach der heutigen Taxonomie von Mey Mark Meyer und Frederik Ahlemann handelte es sich dabei um sogenannte Einzelprojektmanagement-Systeme. Die mühsame Eingabe erfolgte mittels Lochkarten. Das Bundesministerium der Verteidigung versuchte damals die Rüstungsindustrie von der Notwendigkeit des Einsatzes des hauseigenen, auf Netzplantechnik basierenden PPS zu überzeugen. Die Begeisterung aufseiten der Wirtschaft hielt sich in engen Grenzen. Man wehrte sich nach Kräften gegen die vermeintliche Gängelung. Andere Branchen wussten von der „Wunderwaffe aus den USA“ so gut wie nichts. Manche Kritiker verhielten sich wie einige Wiener Bürger, die beim Anblick der ersten Automobile gesagt haben sollen: „Werd’ a wieder abkumma“. Sie sollten sich täuschen.
Die Situation hat sich in den letzten Jahrzehnten radikal geändert. Die Auswahl eines geeigneten Programmsystems ist zu einer alles andere als leichten Aufgabe geworden. Meyer und Ahlemann berichten von mehr als 220 Systemen, die von 200 Herstellern angeboten werden. Das bereits in der 6. Auflage erschienene, herstellerunabhängige Werk, herausgegeben von der GPM und dem Business Application Research Center (BARC), ist allein schon wegen dieser Produktvielfalt ein unentbehrlicher Ratgeber. Es beschreibt 24 marktführende Produkte. Das Buch der beiden Autoren, die in der Bundesrepublik wohl die besten Fachleute auf dem Gebiet Projektmanagement-Software sind, beschränkt sich freilich in keiner Weise auf die systematische Beschreibung der verfügbaren Programmsysteme, sondern geht erheblich darüber hinaus.
Die Verfasser befassen sich gründlich mit dem Produktauswahlprozess, geben wertvolle Ratschläge für die Implementierung, bei der häufig mit Widerständen gerechnet werden muss, und behandeln unter dem Stichwort „Architecture and Technologies“ Fragen der Softwarearchitektur, der Konfiguration, der Integration in die gesamte Softwarelandschaft des Unternehmens und der Sicherheit.
Besonders interessant, auch für alte Hasen, sind für mich die Kapitel „Project Management Software Maturity“, „The M-Model as a Frame of Reference“ und die umfangreichen Ausführungen zur Funktionalität. Deshalb soll darauf nachfolgend auch etwas ausführlicher eingegangen werden. Im zuerst genannten Kapitel werden den fünf Reifegradstufen nach CMM entsprechende Reifegrade bei der Software gegenübergestellt. Ein Beispiel: Der Stufe 3, auf der die Organisation im Projektmanagement standardisierte Prozesse hat, die auch praktiziert werden, entsprechen unternehmensweite Projektmanagementsysteme (Enterprise Project Management Systems). Neben diesem Typ von Systemen und den bereits oben erwähnten Einzelprojektmanagement-Systemen werden weiter unterschieden Multiprojektmanagement-Systeme (Stufe 2 von CMM: definierte Prozesse), leistungsorientierte Projektmanagementsysteme (Performance-oriented Project Management Systems), die mit der Stufe 4 von CMM korrespondieren (auf dieser Stufe wird der Erfolg der Projekte und des Projektmanagements ständig gemessen), und wissensorientierte Projektmanagementsysteme, die der fünften Stufe von CMM (kontinuierliche Verbesserung des Projektmanagements) zugeordnet sind.
Das M-Modell umfasst den gesamten Projektlebenszyklus von der Initiierung über die Planung und Ausführung bis zum Projektabschluss. Innerhalb des Modells werden drei Managementebenen mit unterschiedlichen Aufgabenkomplexen unterschieden: Projektmanager, Projektoffice/Lenkungskreis und Geschäftsführung (Management Board). So werden der Ebene der Geschäftsführung die Portfolioplanung und das Portfoliocontrolling zugewiesen. Der Projektlebenszyklus des M-Modells wird in elf Themengebiete unterteilt. Dazu gehören die Generierung und die Bewertung von Ideen, die Portfolioplanung, die Programmplanung, die Projektplanung und das Projektcontrolling. Innerhalb dieser großen Aufgabenkomplexe wird weiter untergliedert. Dabei finden sich etwa unter der Überschrift Projektplanung die Teilaufgaben Projektstrukturierung und Terminplanung, die jeweils in einem eigenen Kapitel, mit praktischen Beispielen unterlegt, ausführlich dargestellt werden.
Die Beschreibung der einzelnen Produkte geschieht nach einem einheitlichen, sehr transparenten Muster. Die Autoren liefern Informationen über Produkt (z.B. Installationszahlen), Herstellerfirma (z.B. Firmenprofil und Umsätze), funktionalen Schwerpunkt der Software, Reifegradmix, Architektur, Service, Preis und Referenzkunden. Die in ausführlichen Assessments der Produkte entstandene Bewertung anhand von über 270 Einzelkriterien wird zunächst in 53 Kriteriengruppen verdichtet und dann zu den elf Themengebieten des M-Modells zusammengefasst. Die Einzelkriterien werden zusätzlich auch noch nach funktionalen Gruppen (z.B. Risikomanagement, Ablauf- & Terminplanung …) und nach dem Reifegradmodell ausgewertet. Abschließend folgt ein ausführliches Assessment Summary.
Fazit: Wer sich mit dem Gedanken trägt, Projektmanagement-Software zu installieren, kommt an diesem Buch, das auf immenser und imponierender Detailarbeit basiert und äußerst systematisch aufgebaut ist, nicht vorbei.