Projekt „automatische U-Bahn“ im Fokus des Nürnberger PM Forums
Von Oliver Steeger
© GPM-Magazin PMaktuell - Heft 4/2011, Seite 03 - 07. Alle Rechte vorbehalten.
Wer eine Projekt-Sternstunde erleben will, fährt in Nürnberg mit der U-Bahn: Die Linien 2 und 3 verkehren in der Frankenmetropole automatisch. Statt von einem Fahrer werden die Züge durch ein komplexes System gesteuert – ein deutschlandweit einzigartiger Fortschritt. In einem Pionierprojekt hat die VAG Verkehrs-Aktiengesellschaft Nürnberg den schwierigen Schritt zum automatischen Betrieb gemeistert. Auf dem „28. Internationalen Deutschen Projektmanagement Forum“ in Nürnberg (25./26. Oktober 2011) stellt Dr. Rainer Müller, Technischer Vorstand der VAG, dieses Pionierprojekt vor. Das Fazit des Keynote-Speakers: Kommunikation ist ein wichtiger Baustein für den Erfolg solcher Pionierprojekte.

Dr. Rainer Müller (63) ist seit
1992 Vorstand Markt und Technik
der VAG Verkehrs-Aktiengesell-
schaft Nürnberg und seit 1998
Mitglied der Geschäftsführung
der Städtischen Werke Nürnberg
GmbH, die als klassisches kom
munales Querverbundunternehmen
100 Prozent der Anteile der VAG
hält. Der promovierte Diplom-
Mathematiker, der 1979 bei der
VAG begonnen hat, setzte sich
von Beginn an maßgeblich für
die Realisierung der automati-
sierten U-Bahn in Nürnberg ein
und begleitete das Projekt über
alle Jahre intensiv. Dr. Rainer
Müller ist unter anderem im
Verband Deutscher Verkehrsunter-
nehmen (VDV) und im Internatio-
nalen Verband der Verkehrsunter-
nehmen, der UITP, tätig. Er ist
Vorstandsvorsitzender bei der
Nürnberger Verkehrsinitiative
CNA – Center for Transportation
and Logistics Neuer Adler e.V.,
die an den historischen Adler,
Deutschlands erste Eisenbahn,
anknüpft und über die Grenzen
der Metropolregion Nürnberg
hinaus innovative Projekte im
Verkehr begleitet.
(Foto: VAG – Peter Roggenthin)
Wer am Nürnberger Flughafen in die U-Bahn steigt, wird vielleicht erst auf den zweiten Blick bemerken, dass etwas in der Bahn fehlt – nämlich der Fahrer. Die Strecke vom Flughafen zum Hauptbahnhof fährt die Bahn automatisch, zwölf Minuten lang. Sitzt jemand in der Leitstelle, der den Zug per Joystick fernsteuert?
Dr. Rainer Müller: Nein, unsere U-Bahn-Linien U2 und U3 fahren tatsächlich vollautomatisch. Drei Mitarbeiter in der Leitstelle überwachen das System. Sie greifen nur ein, wenn es zu Störungen kommt oder eine Sonderfahrt ansteht, beispielsweise ein Zug aus dem Verkehr ausgeschleust wird, um in die Werkstatt gebracht zu werden. Alles andere wird vom System gesteuert.
Wenn Sie also die Leitstelle betreten, finden Sie Ihre Mitarbeiter in der Regel entspannt vor …
… jetzt zuallermeist entspannt. Und ich freue mich darüber. Dies zeigt, dass unser System immer besser funktioniert. Jede Phase des Betriebsablaufs ist im System vorgeplant, nach diesem Programm läuft alles ab – das Bremsen und Beschleunigen, das Öffnen der Türen, die Durchsagen. Da greift niemand ein. Bisher haben wir zwei U-Bahn-Linien sukzessive automatisiert. Auf den Strecken fahren bis zu dreißig Züge gleichzeitig. Zu Ihrer Eingangsfrage: Es wäre kein Vorteil, dreißig Bahnen, wie Sie sagen, mit Joystick zu steuern.
Den automatischen Betrieb haben Sie im Juni 2008 begonnen. Bis heute ist Nürnberg damit Pionier in Deutschland. Weshalb sind automatische U-Bahnen so selten?
So selten sind sie gar nicht. In Deutschland ist unsere Bahn tatsächlich einzig. Europaweit oder gar weltweit finden Sie viele automatische Systeme.
Im Prinzip müsste man die Bahnen an Großflughäfen, die automatisch verkehren, auch dazurechnen …
Die sogenannten People Mover, ja. Doch sprechen wir hier von den klassischen U-Bahn-Systemen. Vorbild für unsere Bahn in Nürnberg war eine automatische U-Bahn im französischen Lyon. Darüber hinaus finden Sie solche Systeme unter anderem in Paris, Vancouver, London, Bordeaux – es gibt etwa 100 solcher Systeme. In unserer Branche gilt die Automatisierung als Topthema. Viele beschäftigen sich damit, unsere Branche ist stark in Bewegung gekommen. Paris beispielsweise! Dort wird im Augenblick die Umstellung der Linie 1 vorbereitet, sie soll im nächsten Jahr in den automatischen Betrieb gehen. In Helsinki ist man auch dabei, eine konventionelle Strecke umzurüsten; alle haben sich bei uns über unser Projekt informiert, wollten wissen, wie wir die Umstellung vorbereitet und durchgeführt haben.
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