Professor Frank Brettschneider (Universität Hohenheim) zieht Lehren aus „Stuttgart 21“

Von Oliver Steeger

© GPM-Magazin PMaktuell - Heft 1/2011, Seite 12 - 18. Alle Rechte vorbehalten.
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Menschenketten vor Baustellen, Transparente an Konzernzentralen, Protestwellen im Internet – die Bevölkerung bringt sich gegen Großprojekte in Stellung. Kraftwerksbauten geraten in Misskredit. Der Ausbau von Flughäfen scheitert am Widerstand der Anwohner. Das jüngste, prominenteste Beispiel: die eskalierende Gewalt beim Projekt „Stuttgart 21“. Der Neubau des Stuttgarter Hauptbahnhofs spaltet die Bevölkerung tief. Unversöhnlich stehen sich Gegner und Befürworter gegenüber. Lassen sich Großprojekte überhaupt noch in Deutschland durchführen? Ist Deutschland vor allem einig Gegner-Land? Und: Wie können Projektmanager mit dem Widerstand aus der Bevölkerung umgehen? Kommunikationswissenschaftler Professor Frank Brettschneider (Universität Hohenheim) verfolgt das Projekt „Stuttgart 21“ seit vielen Jahren. Sein Fazit: Großprojekte brauchen heute wirksame Öffentlichkeitsarbeit. Im Gespräch zieht er die Lehren aus den Fehlern, die heute bei Großprojekten gemacht werden.


Frank Brettschneider ist Professor
für Kommunikationswissenschaft.
Er hat 1995 promoviert zum Thema
„Öffentliche Meinung und Politik“,
2002 folgte seine Habilitation an
der Universität Stuttgart („Spitzen-
kandidaten und Wahlerfolg“). Von
2001 bis 2006 war er Professor für
Kommunikationswissenschaft an der
Universität Augsburg, seither ist
er Inhaber des Lehrstuhls für Kom-
munikationswissenschaft, insbe-
sondere Kommunikationstheorie, an
der Universität Hohenheim. 1996
war er Preisträger des Wissenschafts-
preises des Deutschen Bundestages
für Arbeiten zum Parlamentarismus,
1997 des EMNID-Wissenschaftspreises
für das Projekt „Personalisierung
der Politik: Kandidatenimages und
Image-Agenda-Setting der Massenmedien“
(gemeinsam mit Angelika Vetter). Zu
seinen Fachschwerpunkten zählen unter
anderem Wahl- und Einstellungsforsch-
ung, Medienwirkungsforschung/Medien-
inhaltsanalysen, Communication
Performance Management, Themen-
management und Campaigning sowie
Politik- und Kommunikationsberatung.
Zum Projekt „Stuttgart 21“ forscht er
seit 15 Jahren. 1997 veröffentlichte
er eine repräsentative Bevölkerungs-
umfrage zu den Einstellungen der
Bürger zu „Stuttgart 21“. Die über 80
Stunden der Schlichtung zu „Stuttgart
21“ hat er ebenso analysiert wie die
Einstellungen der Bevölkerung vor und
nach der Schlichtung.

(Foto: privat)

Herr Professor Brettschneider, die Bilder von Wasserwerfern, verletzten Demonstranten und Abrissbaggern am Stuttgarter Hauptbahnhof gingen durch die deutsche Presse. Schüler, Rentner und Familienväter machten mobil gegen ein Großprojekt – und die Gewalt eskalierte. Gegner und Befürworter stehen sich unversöhnlich gegenüber.
Schon zweifeln Fachleute daran, ob man Großprojekte wie Kraftwerksbauten, Stadtentwicklung oder Infrastrukturmaßnahmen überhaupt in Deutschland noch durchführen kann. Ist der Widerstand gegen das Bahnprojekt „Stuttgart 21“ ein Einzelfall – oder wird Projektmanagern künftig immer häufiger solch ein Proteststurm ins Gesicht blasen?

Professor Frank Brettschneider: Mit Protesten müssen alle Großprojekte leben. Aber in Stuttgart kommen verschiedene Aspekte zusammen: Auf der einen Seite haben wir es mit dem Widerstand gegen das konkrete Projekt „Stuttgart 21“ zu tun. Auf der anderen Seite richtet sich der Protest aber auch gegen das Handeln der Politiker im Allgemeinen. Zudem wird er für die anstehende Landtagswahl in Baden-Württemberg instrumentalisiert.

Dann war der Baubeginn für den unterirdischen Hauptbahnhof quasi nur der letzte Tropfen, der das Fass in Stuttgart zum Überlaufen brachte?

Ja, das Projekt ist auch eine Projektionsfläche für Unmut, der mit dem Vorhaben selbst wenig zu tun hat. Der richtet sich auch gegen einzelne Projektträger – gegen die Stadt, gegen das Land, gegen die Bahn und gegen die Berliner Politik. Wer immer mit diesen Partnern unzufrieden ist, findet bei „Stuttgart 21“ die Chance, Dampf abzulassen.

Die Akteure von „Stuttgart 21“ haben also bislang richtig gehandelt – und sind nur im Fahrwasser einer allgemeinen Unzufriedenheit gefahren, die sich dann im Protest gegen das Projekt entladen hat?

Nein, so einfach verhält es sich nicht. Die Projektträger haben über viele Jahre versäumt, die kursierenden Widersprüche, Sorgen und Gerüchte zu dem Großprojekt zu erkennen und ernst zu nehmen. Da wurden große Fehler gemacht. Teilweise war auch kommunikativer Dilettantismus am Werk.



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