Organisationspsychologe Professor Lutz von Rosenstiel im Gespräch
Von Oliver Steeger
© GPM-Magazin PMaktuell - Heft 5/2010, Seite 03 - 09. Alle Rechte vorbehalten.
Teamarbeit macht Projekte mobil: Spezialisten verschiedener Fachrichtungen lösen gemeinsam Probleme. Mit dem richtigen „Spirit“ erklimmen Teams Leistungsgipfel; die Zusammenarbeit motiviert die Mitarbeiter, ihre eigenen Grenzen zu sprengen. So weit, so richtig. Doch wo Licht ist, ist auch Schatten – und über die Schattenseiten von Teamarbeit wurde im Projektmanagement bislang wenig nachgedacht. Anders in der Organisationspsychologie. Dort sind neben den Vorteilen der Teamarbeit auch deren Schwächen bekannt, sogenannte „Prozessverluste“. Im Gespräch erklärt Experte Professor Lutz von Rosenstiel, welche Risiken in der Teamarbeit drohen, welche Führungsaufgaben auf Projektmanager zukommen – und wie Projektmanager sich noch besser auf die Teamführung vorbereiten können.

Prof. Dr. Dr. h.c. Lutz von
Rosenstiel gilt als einer der
wichtigsten Wirtschafts-
psychologen im deutschen
Sprachraum. Seine Arbeit wurde
vielfach ausgezeichnet und
hat in den vergangenen
Jahrzehnten die deutsche
angewandte Psychologie
nachhaltig geprägt. Von 1977
bis 2006 leitete er den
Institutsbereich Organisa-
tions- und Wirtschaftspsycho-
logie der Ludwig-Maximilians-
Universität in München, deren
Politik er als Prorektor über
einen Zeitraum von acht Jahren
mitgestaltet hat. Er hat eine
Reihe von Standardwerken aus
dem Bereich der Organisations-
und Wirtschaftspsychologie
verfasst, unter anderem zu
den Themen Führung von Mit-
arbeitern, Werbepsychologie,
Kompetenzmessung, Personal-
entwicklung und Organisations-
entwicklung. Er war von 2001
bis 2007 Vorsitzender des
Kuratoriums Kompetenzent-
wicklung; zudem ist er Mit-
gründer der „Perform-Partner
– Gesellschaft für nachhaltige
Beratung“. Seit 2006 ist er
Gastprofessor an der
Wirtschaftsuniversität Wien.
(Foto: privat)
Herr Professor von Rosenstiel, Teamarbeit wird in der Wirtschaft als Königsweg zu besseren Ergebnissen geschätzt. Ein Team, heißt es, leiste mehr als Einzelne. Doch Teamarbeit ist nicht frei von Risiken, dies wird gerne übersehen. In der Organisationspsychologie spricht man von sogenannten Prozessverlusten der Teamarbeit, die den Prozessgewinnen – den Vorteilen – gegenüberstehen.
Prof. Lutz von Rosenstiel: Die Prozessgewinne der Teamarbeit sind in der Tat groß. Zu den Gewinnen zählen beispielsweise die wechselseitige Anregung im Team oder der Vorteil, dass Zusammenarbeit im Team dazu motiviert, die eigenen Leistungsgrenzen zu überschreiten.
Sprechen wir auch von den Verlusten. In der Organisationspsychologie hört man gelegentlich die Warnung vor dem Risikomanagement, wie es heute die allermeisten Projektmanager praktizieren. Die Methode ist seit Jahren bekannt: Das Team erörtert zu Projektbeginn die Risiken seines Vorhabens, ordnet mögliche Risiken nach ihrer Bedeutung und Eintrittswahrscheinlichkeit. Anschließend trifft es sinnvolle Vorkehrungen gegen die Gefahren. Weshalb nimmt man an dieser simplen, weitverbreiteten Methode Anstoß?
Die Methode ist sehr logisch. Doch sie ist stark verkopft.
Es geht darum, Risiken gedanklich vorwegzunehmen und sich zu wappnen ...
Gruppen verhalten sich bei einer direkten Bedrohung völlig anders als bei einer rein rationalen Betrachtung von Risiken. Erlebt eine Gruppe akut die Gefahr des Scheiterns, so kommt es zu bestimmten gruppendynamischen Prozessen. Gruppenmitglieder verhalten sich dann „irrational“. Dies müsste bei der Risikoanalyse berücksichtigt werden.
Die Gruppe handelt irrational – inwiefern?
Die Mitglieder schauen plötzlich zu demjenigen auf, der als Alpha der Gruppe gilt.
Alpha? Eine Art Anführer der Gruppe?
Richtig. Der Alpha soll sagen, wie es in der Krise weitergeht. Die Gruppe ist in Gefahrensituationen darauf programmiert zu folgen.
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