e9fa82c0-e8a0-45e4-92cf-e0536acda068TrueISBN9783866180260LargeBooks
© GPM-Magazin PMaktuell - Heft 5/2009, Seite 47. Alle Rechte vorbehalten.
Die im Frühjahr 2006 erschienene Arbeit von Stephan A. Glaschak beruht auf einer Dissertation an der Abteilung für Unternehmensführung und Organisation der Universität Hannover. Ziel ist – wie bei Kunz – ein Konzept zur integrierten Projekt- und Portfoliosteuerung. Dazu wird von einem ganzheitlichen, systemtheoretisch geprägten Modell eines „Projektfächers“ ausgegangen, in dem nicht nur einzelne Projektportfolios, sondern alle laufenden internen und externen Projekte eines Unternehmens gesteuert werden sollen. Durch diesen umfassenden Ansatz bleiben die Aussagen und Gestaltungsempfehlungen bei Glaschak zwangsläufig auf einem allgemeineren Niveau als bei dem problemorientierten Ansatz von Kunz. Allerdings leitet Glaschak seine Erkenntnisse nicht nur aus einer synoptischen Literaturanalyse ab, sondern bezieht eine empirische Untersuchung ein. Beim Lesen des Textes merkt man dem Werk von Glaschak eine starke Theorieorientierung an. Definitionen und der Stand der wissenschaftlichen Forschung zu den Grundlagen der Unternehmensstrategie und des Projektmanagements werden wesentlich umfangreicher dargestellt und die Anzahl der hierzu zitierten Quellen ist höher als bei Kunz. Hierbei setzt Glaschak einen wissenschaftlich fachkundigen Leser voraus, der mit den Konzepten der Strategielehre und des Multiprojektmanagements bereits vertraut ist oder dazu in der Lage ist, die zitierten Quellen zumindest punktuell nachzuschlagen.
Interessant an der Arbeit sind insbesondere die Ergebnisse der von Glaschak durchgeführten Befragung, mit der in 30 projektintensiven Unternehmen Anhaltspunkte über die Anwendung ausgewählter Unternehmensplanungs- und Implementierungsmethoden im Multiprojektmanagement ermittelt wurden. Die Befragung erfolgte in Form teilstrukturierter persönlicher Interviews von Mitgliedern des oberen und mittleren Managements aus den Bereichen Multiprojektmanagement und Projektcontrolling. Auch wenn die Befragung wegen der geringen Fallzahl nicht repräsentativ ist, wurde auf ein ausgewogenes Verhältnis von kleinen, mittleren und größeren Unternehmen aus verschiedenen Wirtschaftszweigen geachtet, um damit Quervergleiche zu ermöglichen. Hierbei zeigte sich, dass in mittleren und großen Unternehmen Finanzkennzahlen als wichtigstes Kriterium zur Projektbewertung betrachtet werden. In kleinen Unternehmen dominieren demgegenüber die Referenzwirkungen von Projekten und die Chancen auf Folgeprojekte. Die befragten Unternehmen beziehen in die Projektauswahl jedoch immer mehrere Kriterien mit ein, insbesondere die Bewertung von Projektrisiken sowie die strategische Bedeutung der Projekte.
Insgesamt ist bei den von Glaschak befragten Unternehmen der Entwicklungsstand des Multiprojektmanagements weit fortgeschritten und wesentlich höher als im Unternehmensdurchschnitt. Interessant ist daher die Frage, bei welchen Faktoren diese „Lead User“ noch Schwachstellen aufweisen oder sehen, zeigt dies doch für die Projektmanagementforschung besonders lohnende Untersuchungsfelder auf. Hierzu wurden von Glaschak folgende Defizite für ein strategiebasiertes Multiprojektmanagement identifiziert:
- Kriterien zur Vergabe von Projektprioritäten und deren Gewichtung,
- Einfluss bereits laufender Projekte und Programme auf die Projektbewertung,
- Reaktionsmaßnahmen auf „bedrohliche“ Änderungen der Projektrahmenbedingungen,
- Festlegung und Verfolgung strategiebezogener Zielgrößen für Projekte sowie
- Einbezug der Projektebene in strategische Projektentscheidungen.
Demgegenüber bestehen in den befragten Unternehmen keine besonderen Defizite bei der Formulierung von Unternehmensvisionen und Leitbildern, bei der Strukturierung, Kommunikation und Umsetzung von Strategien, bei der Projektmanagementorientierung, bei Projektbewertungsmethoden sowie bei der Ressourcenzuordnung und bei Reaktionsmaßnahmen im Falle von Ressourcenengpässen. Die hierzu vorliegenden Methoden und Konzepte sind daher für praktische Zwecke als ziemlich ausgereift anzusehen.
Auf Basis dieser Beobachtungen konzipiert Glaschak Empfehlungen für ein ganzheitliches strategiebasiertes Multiprojektmanagement. Als wesentliche Gestaltungsparameter werden dabei die Visionsfokussierung, die Kontext- und Stakeholderorientierung, die Partizipation projektnaher Mitarbeiter im Strategieprozess sowie die Chancen- und Risikoorientierung und die Unterstützung des strategischen Managements durch Changemanagementprozesse genannt. Insgesamt bestätigen sich durch die Arbeit von Glaschak viele latent vorhandene Erkenntnisse zur Verknüpfung von strategischem Management und Projektmanagement und werden in einen ganzheitlichen konzeptionellen Bezugsrahmen eingeordnet.