Professor Gerd Gigerenzer über Intuitionsforschung und Entscheidungen im Management
Von Oliver Steeger
© GPM-Magazin PMaktuell - Heft 3/2008, Seite 3 - 8. Alle Rechte vorbehalten.
Informationen sammeln, Experten hören, das Pro und Contra methodisch gewichten, die Zweifelsfragen im Team beraten - gute Entscheidungen brauchen Zeit. Je mehr Zeit man hat, desto besser kann man entscheiden. Erst wägen, dann wagen, wie es heißt. Stimmt alles nicht! Hinter diese Entscheidungsstrategie, die im Management weitverbreitetet ist, setzen Psychologen und Neurologen immer mehr Fragezeichen. Die Entdeckung im Berliner Max-Planck-Institut: Schnelle Bauchentscheidungen sind den mühsam herbeigeführten "Kopfurteilen" ebenbürtig, häufig sogar überlegen. Professor Gerd Gigerenzer, habilitierter Psychologe und Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, weist nach: Auf Bauchgefühle zu hören lohnt sich. Wenn Manager Entscheidungen für eine schwer vorhersagbare (Projekt-)Zukunft treffen, sollten sie die seit Jahrzehnten gängigen Lehrbuchrezepte durchaus gegen den Strich bürsten.

Professor Gerd Gigerenzer
(Jahrgang 1947) ist habili-
tierter Psychologe und
Direktor am Max-Planck-
Institut für Bildungs-
forschung in Berlin.
(Foto: Dietmar Gust)
Wichtige Entscheidungen, heißt es, brauchen genügend Zeit, viele Informationen und breite Diskussion. Dies gilt auch für das Projektmanagement: Die Teams sammeln möglichst viele Daten und Fakten, diskutieren diese, wägen das Pro und Contra ab - mit dem Ziel, zu einer fundierten Entscheidung zu kommen. Was halten Sie, Herr Professor Gigerenzer, von dieser Strategie?
Prof. Gigerenzer: In vielen Fällen - gar nichts!
Nichts? Was spricht gegen diese verbreitete und sorgfältig erscheinende Vorgehensweise? Wird dafür in der Praxis zu viel Zeit gebraucht?
Ja, solche Entscheidungsprozesse sind aufwendig und dauern lange. Aber dies ist nicht der Punkt, auf den ich hinauswill. Vielmehr: Mit dieser Entscheidungsstrategie kommen Sie in bestimmten Situationen nicht zu einem optimalen Ergebnis.
Manchmal geht es um wirklich wichtige Projektentscheidungen, um zu lösende technische Schwierigkeiten, um Budgetfragen, um Fragen des Umgangs mit Kunden, um grundsätzliche Weichenstellungen …
Die Bedeutung der Entscheidung macht keinen Unterschied. Ich sage: Ist die Zukunft schwer vorhersagbar, so gibt es bessere als die im Management gängigen Strategien. Wir haben allen Grund, diese Strategien in Zweifel zu ziehen. Es stimmt halt nicht, dass möglichst viele Informationen, möglichst viel Zeit sowie komplizierte Methoden und Berechnungen unsere Entscheidungen immer verbessern.
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