Von Erwin v. Wasielewski

© GPM-Magazin PMaktuell - Heft 1/2008, Seite 58. Alle Rechte vorbehalten.
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In einem Industrieunternehmen wurden die Unter- und Überschreitungen der Soll-Vorgangsdauern zweier beendeter Entwicklungsprojekte unterschiedlicher Terminschwere vergleichend untersucht. Im Projekt I war die verbindliche Vorgabe der Vorgangsdauern gleich der vorangegangenen Schätzung (in der Abb. „Schätzzeit“) der jeweils ausführenden Stelle eines Vorgangs. Zusammen mit den netzplantechnischen Pufferzeiten stand pro Vorgang durchschnittlich etwa das 1,2-fache der Schätzzeit zur Verfügung (= „Sollzeit I“).


Schätzzeit

Dagegen stand Projekt II unter hohem Termindruck, weshalb die verbindliche Vorgabe der Vorgangsdauern kürzer als die jeweilige Schätzzeit war. Zusammen mit den netzplantechnischen Pufferzeiten stand pro Vorgang durchschnittlich nur etwa das 0,63-Fache der Schätzzeit zur Verfügung (= „Sollzeit II“). In der Abb. zeigt die Abszisse in logarithmischem Maßstab das Verhältnis „Ist-Vorgangsdauer dividiert durch die Schätzzeit“. Zum Beispiel bedeutet der Wert 0,8, dass die tatsächliche Abwicklung des Vorgangs vier Fünftel der geschätzten Zeit erforderte, der Wert 2, dass die Abwicklung das Doppelte der geschätzten Zeit erforderte.

Die Prozentzahlen der idealisierten statistischen Verteilungskurven zeigen die relative Anzahl von Vorgängen, die den jeweiligen oder einen geringeren Verhältniswert aufwiesen. Ergebnis des Projektvergleichs: Projekt II zeigt stärkere Unter- und Überschreitungen der Schätzzeit als Projekt I, aber der hohe Termindruck hat keine nennenswerte allgemeine Verbesserung des Verhältnisses „Ist-Vorgangsdauer dividiert durch die Schätzzeit“ bewirkt. Die Kürzung der geschätzten Vorgangsdauern hat in diesem realen Fall die Zeitrisiken der Abwicklung kaum verringert, aber zu wesentlich größeren Überschreitungen der Sollzeit als bei Projekt I geführt. Die Folge ist paradox: Das eilige Projekt wurde scheinbar viel schlechter ab - gewickelt als das weniger eilige. Ein solcher Einzelfall darf nicht einfach verallgemeinert werden, macht aber weitere empirische Untersuchungen zu dieser und ähnlichen Erscheinungen im Projektmanagement wünschenswert.



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