Grundlagen, Menschen, Prozesse, Techniken
© GPM-Magazin PMaktuell - Heft 1/2008, Seite 40. Alle Rechte vorbehalten.
Die Autoren, beide Professoren für Software Engineering an der Universität Stuttgart bzw. an der RWTH Aachen und mit umfangreicher Praxiserfahrung versehen, haben ein voluminöses Werk vorgelegt, das eigentlich zwei Rezensenten erfordern würde, einen Informatiker, der vor allem die Techniken der Software-Bearbeitung rezensiert, und einen, der von der Disziplin Projektmanagement kommend den Projektmanagementteil beurteilt. Ich werde mich hier mangels eingehender Fachkenntnisse in der Informatik auf den 2. Teil konzentrieren. Hier gibt es nicht nur genügend Lesestoff, sondern auch sehr viel Positives zu berichten. Wo immer man den Band aufschlägt, um nicht nur diagonal zu lesen, erhält man grundsolide Informationen. Was den betriebswirtschaftlichen Teil betrifft, so ist das Buch ein würdiger Nachfolger des Klassikers „Software Engineering Economics“ von Barry W. Boehm, allerdings mit dem Vorteil einer sehr viel breiteren Themenwahl. Ausführlich und immer kritisch werden Vorgehens- und Prozessmodelle (die Autoren halten beides auseinander), wie das V-Modell, der Unified Process, Cleanroom Development und Agile Prozesse, unterschieden.
Auch die Reifegradmodelle CMMI und SPICE/ISO 15504 erfahren eine eingehende und gut verständliche Würdigung. Mit Recht warnen Ludewig und Lichter davor, vor den aus den USA gemeldeten Angaben über die Prozessreife verschiedener Softwarefirmen, in Bewunderung zu erstarren. Wenn von der in einem Assessment bestätigten Reifegradstufe das Wohl und Wehe eines Unternehmens abhängt, ist immer Vorsicht geboten. Selten genug in Lehrbüchern: auch ein wenig Humor. Bei Ludewig und Lichter findet man ihn zum Beispiel bei der Darstellung der „Verlängerung“ von CMMI nach unten, dem Capability Immaturity Model. Die Level 0, –1, –2 und –3 werden mit den Begriffen „nachlässig“, „hemmend“, „hochmütig“ und „destruk tiv“ charakterisiert. Sehr ausführlich und nach meinem Geschmack nicht kritisch genug wird COCOMO bzw. COCOMO II dargestellt (10 Seiten). Demgegenüber ist der Platz, der für Func tion Point, das mich persönlich viel mehr überzeugt, reserviert ist (2,5 Seiten), sehr knapp. Besonders interessant fand ich die Ausführungen zum Personal Software Process von Watts Humphrey. Die Grundidee ist, dass durch ein Regelwerk „Einzelkämpfer“ oder Gruppen von zwei bis drei Entwicklern in kleinen Projekten unterstützt werden und ihnen geholfen wird, ihre Arbeit effizienter zu gestalten. Das Konzept, das zuerst mit Studenten erprobt wurde, ist so etwas wie ein persönliches Vorgehensmodell und ein Hilfsmittel für strukturiertes Arbeiten. Bei manchen Kapiteln, etwa bei den Themen „Projektorganisation“, „Risikomanagement“ oder „Projektfortschrittsmessung“ hätte ich mir freilich ein wenig mehr Information gewünscht. Für die Messung des Fertigstellungsgrads vor allem die alte Formel aus PERT/COST Ist-Kosten/Ist-Kosten + geschätzte Restkosten zu empfehlen, grenzt schon an Fahrlässigkeit.
Insgesamt kann das Buch aber, was den Projektmanagementteil betrifft, Informatikern durch aus empfohlen werden. Wenn es sorgfältig gelesen wird, stellt es sicher, dass auch Leute, die nicht allzu sehr am Management von Softwareprojekten interessiert sind, sondern vielmehr an der Erstellung der Software, etwas von dieser Thematik mitbekommen. Und das ist schon etwas.