Von Siegfried Seibert
© GPM-Magazin PMaktuell - Heft 3/2005, Seite 2. Alle Rechte vorbehalten.
Im Mittelpunkt des vorliegenden Heftes stehen das Projektmanagement in der Automobilindustrie und das – damit durchaus verbundene – Management der Projektqualität. Die Automobilindustrie ist trotz „New Economy“ und Globalisierung nach wie vor der wichtigste Zweig unserer Volkswirtschaft. Viele deutsche Unternehmen nehmen seit Jahrzehnten eine internationale Spitzenstellung ein.
Die Industrie unterliegt seit einigen Jahren aber einem dramatischen Wandel: Die Anzahl der Produktvarianten und -derivate nimmt immer mehr zu. Die Produktlebenszyklen werden immer kürzer. Immer mehr Entwicklungsarbeiten werden an externe Zulieferer und Dienstleister verlagert. In unserem Heftschwerpunkt gehen wir auf die daraus entstehenden Herausforderungen für das Projektmanagement in mehreren Beiträgen ein, und zwar primär aus der Perspektive der Partner und Lieferanten der Automobilindustrie.
Gerhard Hab und Reinhard Wagner, die beiden Leiter der GPM-Automotive-Fachgruppe, geben einen Überblick über Ausgangsbedingungen, Verbesserungspotenziale und mögliche Handlungsoptionen für das Projektmanagement im Fahrzeugentstehungsprozess. Aufbauend auf dem Project Management Maturity Model PMMM von Kerzner entwickeln sie ein Referenzmodell für die unternehmensübergreifende Projektarbeit. Dabei kommt es ihnen insbesondere darauf an, dass das „babylonische Sprachgewirr“ im Projektmanagement der Automobilindustrie möglichst bald überwunden wird. Ein Ziel, bei dem man ihnen nur beipflichten kann. Die beiden Autoren haben kürzlich ein Buch unter dem Titel „Projektmanagement in der Automobilindustrie“ veröffentlicht, mit dem eine seit langem bestehende Lücke in der Projektmanagementliteratur geschlossen wird. Das vorliegende Heft enthält eine Besprechung dieses viel beachteten Buches.
PM-Award-Preisträger Andreas Meyer-Eggers zeigt auf, wie der Entwicklungsdienstleister Bertrandt mit Hilfe eines Excellence-Programms ein unternehmensund länderübergreifendes Partnernetzwerk für die Zusammenarbeit zwischen Herstellern, Entwicklungsdienstleistern und Systemlieferanten aufgebaut hat. Nur im Rahmen solcher Netzwerke wird man in den komplexen Projekten der Zukunft bestehen können. Derartige Netzwerke finden sich in ähnlicher Art auch in ganz anderen Branchen, beispielsweise im IT- und im Telekommunikationsbereich oder im Anlagenbau.
Hubertus Tuczek, Geschäftsführer der Dräxlmaier Group, schildert, wie in seinem Unternehmen die Qualität der Projektarbeit mit Hilfe eines Simultaneous-Engineering-Prozesses gesteigert wird. Die Dräxlmaier Group, System- und Modullieferant für Elektrik/Elektronik und Innenraumausstattung in Automobilen, hat dazu unter dem Namen 4CP einen unternehmensspezifischen Projektmanagement-Ansatz mit den Leitbegriffen Commitment, Competence, Cooperation und Communication erfolgreich eingeführt.
IPMA-Award-Preisträger Stanisław Sroka, der als Gründer und Vorstandsvorsitzender das polnische Unternehmen Transsystem innerhalb von 14 Jahren von einer kleinen Werkstatt zu einem weltweit begehrten Partner der Automobilindustrie gemacht hat, nimmt in einem Interview Stellung zur Bedeutung des Projektmanagements für diese Erfolgsgeschichte sowie zu den Karrierechancen von Projektmanagern in seinem Unternehmen.
Die Veränderungen in der Automobilindustrie und bei deren Zulieferern gehen leider nicht ohne Reibungsverluste ab, wie die hohe Zahl von Automobil-Rückrufaktionen in den vergangenen Jahren gezeigt hat. Die Automobilindustrie muss sich daher intensiv mit dem Thema Qualitätsverbesserung, insbesondere der Projektqualität, auseinander setzen. Diese Frage ist aber keineswegs auf die Automobilindustrie beschränkt. In vielen anderen Wirtschaftszweigen zeigen sich ähnliche Herausforderungen für das Projektmanagement.
Leider wurden der Begriff der Projektqualität und die Frage, wie Projektqualität zu managen ist, bisher fachlich noch nicht befriedigend ausgearbeitet. Hans Knöpfel, Vorsitzender der Schweizerischen Gesellschaft für Projektmanagement SPM, geht in seinem Beitrag auf diese Problematik ein und entwickelt dazu die begrifflichen und konzeptionellen Grundlagen.
In einem weiteren Beitrag wird von Frank Lubatsch, IPMA-Level-B-zertifizierter Projektmanager, anhand einer kleinen Fallstudie die hohe praktische Bedeutung der Kundenperspektive zur Sicherung der Qualität von Produktentwicklungen verdeutlicht.
Ein wichtiges Mittel zum Management der Projektqualität sind Vorgehens- und Prozessmodelle, die insbesondere im IT-Bereich eine große Verbreitung gefunden haben. projektMANAGEMENTaktuell-Redaktionsbeirat Manfred Saynisch berichtet in einem Report über die Einführung des V-Modells XT als neuem IT-Projektstandard des Bundes für größere IT-Vorhaben.
Ein Kontrastthema ganz anderer Art greift Oliver Steeger gleich zu Beginn des Heftes auf. Projekte finden sich nicht nur in den etablierten Feldern, über die wir in projektMANAGEMENTaktuell immer wieder berichten, sondern auch im kulturellen Bereich, beispielsweise bei der Vorbereitung und Durchführung großer Ausstellungen. Wie werden perfekte Ausstellungen von internationaler Bedeutung auf die Beine gestellt? Steeger blickt dazu hinter die Kulissen der Bundeskunsthalle in Bonn. Begrifflichkeiten, wie sie die meisten unserer Leser aus dem Projektmanagement kennen, sind bei den Macherinnen dieser Ausstellungen wenig bekannt. Blickt man aber etwas genauer hinter die Kulissen ihrer Erfolge, entdeckt man Verhaltensweisen wie Sorgfalt, Präzision, Beharrlichkeit, Kommunikation und Stakeholdermanagement, wie sie jeden guten Projektmanager auszeichnen. Eine Gelegenheit, sich die Eckpfeiler guten Managements jenseits aller Planungstechniken aus einem anderen Blickwinkel heraus zu verdeutlichen.