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Interkulturelle Zusammenarbeit in der Praxis

Buchbesprechung von Heinz Schelle

Das Thema „Internationale bzw. interkulturelle Projekte“ wurde lange Zeit in der Literatur weitgehend vernachlässigt. In letzter Zeit boomt es, wohl eine Folge der zunehmenden Globalisierung. Sammelbände wie der vorliegende, die noch dazu den Problemkreis umfassend behandeln, sind immer noch selten. Das Buch, das zu einem ungewöhnlich niedrigen Preis zu haben ist und deshalb auch hoffentlich von Studenten erworben wird, ist aus der sehr aktiven Fachgruppe IPANEMA der GPM entstanden.

Das Werk beginnt mit einem Wegweiser, der dem Leser in der umfangreichen Publikation Orientierung gibt, und mit einer u. a. an Hofstede ausgerichteten Übersicht über die wichtigsten Kulturdimensionen wie Universalismus versus Partikularismus, schwacher bzw. starker Kontextbezug, kleine bzw. große Machtdistanz und Individualismus versus Kollektivismus. Auf einer bipolaren Skala werden verschiedene Länder, die sehr unterschiedlichen Kulturkreisen angehören, dann angeordnet.

Im Teil I wird zunächst erläutert, was bei internationalen Projekten anders ist. Die Klassifikation, die von Anja Walter hier vorgestellt wird, ist sehr hilfreich zur Differenzierung des zunächst ja recht globalen Begriffs „Internationale Projekte“. Besonders lesenswert sind hier die Ausführungen im Abschnitt „Stufen der Internationalisierung und organisatorische Reife von Unternehmen“. In einem zweiten Beitrag erläutert Hans-Erland Hoffmann die Bedeutung kultureller Unterschiede. Bemerkenswert ist, dass Hoffmann sich hier nicht nur an dem bis zum Überdruss in der Literatur zitierten G. Hofstede orientiert, sondern auch andere Forscher heranzieht und seine Ausführungen mit kleinen Beispielen auflockert. Schließlich stellt Florian Dörrenberg ein Arbeitsmodell für Phasen in internationalen Projekten vor und macht auf Fallstricke und Stolpersteine aufmerksam, die auf die Projektbeteiligten in den einzelnen idealtypischen Projektabschnitten warten. Die Handlungsempfehlungen sind erfreulich
spezifisch und konkret.

Im zweiten Teil des Buches geht es noch stärker in das Detail. Hans-Erland Hoffmann und Florian Dörrenberg befassen sich mit dem Management des Projektumfelds und arbeiten die Besonderheiten des Stakeholdermanagements in anderen Kulturen heraus. In diesem Zusammenhang werden auch Aspekte wie Verträge und Verhandlungsführung behandelt, die man hier nicht erwartet hätte. Konsequent schließt sich Klaus Wagenhals mit dem Kapitel „Kommunikation und Information“ an. Die schon erwähnten kulturellen Dimensionen erweisen sich auch hier als nützlich. Selbst der Leser, der eigene Erfahrungen mit Projekten in anderen Kulturkreisen gemacht hat, dürfte hier einige Aha-Erlebnisse haben. Auch mir ist schnell klar geworden, welche Fehler ich bei beruflichen Besprechungen in Afrika und Südostasien, in die ich jeweils ohne jede Vorbereitung geschickt wurde, gemacht habe. Diese persönliche Bemerkung leitet zwanglos über zum Kapitel „Teamentwicklung“ von Yvonne-Gabriele Schoper, die sich freilich nicht nur mit der dringend notwendigen Vorbereitung der zukünftigen Teammitglieder befasst, sondern unter anderem die Klassifikation der einzelnen Phasen der Teambildung („Forming“, „Storming“, „Norming“, „Performing“ und „Adjourning“) für ihr Thema nutzt. Es folgt wiederum schlüssig von der gleichen Autorin ein Beitrag zu „Führung in Projekten“. Auch hier werden, wie in den meisten anderen Artikeln, für die Analyse und die Empfehlungen konsequent die zu Beginn des Buches definierten Kulturdimensionen benutzt. Diese Ausrichtung gibt dem ganzen Werk sozusagen einen roten Faden.

Einem Teilaspekt der Führung in Projekten, der Entscheidungsfindung, widmet sich Conor John Fitzsimons. Nach der kulturunabhängigen Einteilung des Entscheidungsprozesses in sechs Schritte wird herausgearbeitet, wie wichtig es ist, einen kultur- und persönlichkeitsgerechten Entscheidungsprozess zu definieren und im Projekt zu implementieren. Spätestens nach diesen Ausführungen wird einem bewusst, welche extrem hohen Anforderungen an Projektleiter gestellt werden, die ja auch noch, sozusagen ganz nebenbei, verantwortlich für ein brauchbares Projektergebnis sind, das im Termin und mit den vorgegebenen Kosten erreicht wird. Außerdem kann man wohl, auch ohne großes Insiderwissen und ohne eine vorliegende großzahlige Befragung, vermuten, dass die systematische Vorbereitung von Mitarbeitern auf internationale Projekte nahezu überall in den Kinderschuhen steckt.

Dass in Projekten, in denen Teilnehmer aus unterschiedlichen Kulturkreisen zusammenkommen, eher mehr Konflikte entstehen als in „normalen“ Projekten, rechtfertigt das Kapitel „Konfliktmanagement in internationalen Projekten“ von Klaus Wagenhals. Besonders empfehlenswert erscheinen mir hier die Hinweise, wie man sich anbahnende Konflikte in anderen Kulturen rechtzeitig erkennt, und die Ausweitung des bekannten Eskalationsmodells von Glasl.

Anja Walter geht in ihrem Artikel „Projektorganisation“ von den in der Lehrbuchliteratur bekannten Formen der Projektorganisation aus und stellt dann als neue Formen die fraktale und die Netzwerk-Projektorganisation vor. Hier bewegt man sich freilich auf sehr dünnem Eis, weil Erfahrungen mit diesen Varianten bisher so gut wie gar nicht aufgrund sorgfältiger empirischer Beobachtung beschrieben wurden. Das gilt auch für die Rolle des so genannten Netzwerkbrokers. Gut gelungen sind allerdings die Bemerkungen zu den Erwartungen der Projektmitarbeiter an den Projektleiter und umgekehrt, denen die Unterscheidung in leistungsorientiert und herkunftsorientiert zugrunde liegt.

Die gleiche Autorin befasst sich auch mit den Problemen der Projektsteuerung in anderen kulturellen Kontexten. Die sehr detaillierte Analyse zeigt mit großer Deutlichkeit, welch schwierige Aufgabe der Projektleiter hat, wenn von ihm erwartet wird, dass er nicht nur ein aus dem Ruder gelaufenes Projekt wieder auf Erfolgskurs bringt, sondern dass er darüber hinaus auch noch die notwendige Sensibilität für andere Kulturen aufbringt. Jedenfalls macht auch dieser Beitrag, wie im Grunde alle anderen auch, deutlich, wie wenig wir uns in der Regel der Tatsache bewusst sind, dass die Rezepte, die wir in Seminaren und Büchern für erfolgreiche Projekte geben, von unserem eigenen Kulturkreis geprägt sind.

Die stark ausgeprägten Besonderheiten interkultureller Zusammenarbeit in Projekten, aber z. B. auch andere Rechtsordnungen bringen besondere Risiken mit sich, auf die Heidrun Reckert eingeht. Auch für die Analyse unterschiedlicher Einstellungen zu Risiken erweisen sich die Konstrukte zur Beschreibung verschiedener Kulturen als hilfreich. Eine Reihe von instruktiven Beispielen machen das Anliegen der Autorin deutlich. Wie solide die Ableitung unterschiedlichen Risikoverhaltens aus den neun Enneagrammtypen ist, kann der Schreiber dieser Zeilen mangels Vertrautheit mit diesem Ansatz allerdings nicht beurteilen. (Noch eine kritische Bemerkung am Rande: Die Darstellung auf S. 283 ist sehr stark an eine ähnliche bei Versteegen angelehnt. Ein korrekter Quellennachweis wäre notwendig.)

Interkulturelle Unterschiede im Qualitätsverständnis sind das Thema von Yvonne-Gabriele Schoper. Nach Wissen des Rezensenten ist die unterschiedliche Einstellung zur Qualität von Produkten zumindest in der Projektmanagementliteratur bisher kaum problematisiert worden. Deshalb verdienen gerade diese Ausführungen, voran die Tabelle 13.1 auf S. 298, die besondere Aufmerksamkeit des Lesers. Das gilt auch für den letzten Aufsatz, ebenfalls aus der Feder von Frau Schoper, der eng mit dem Qualitätsaspekt zusammenhängt, nämlich das Management von Lieferanten. Die Autorin gibt ausführliche Empfehlungen für die Vergabe von Projektleistungen, ein Thema, das ja immer mehr an Aktualität gewinnt. Ein Glossar und ein ausführliches Literaturverzeichnis runden den Band ab.

Abschließende Bewertung: Ein sorgfältig gemachtes und vor allem auch wegen der zahlreichen Beispiele und der äußerst facettenreichen Behandlung des Themas sehr empfehlenswertes Buch. Es sollte von jedem gelesen werden, der mit internationalen Projekten zu tun hat. Wer es durchgearbeitet hat, wird mit Sicherheit seine ethnozentrische Unbefangenheit verloren haben und dank gesteigerter Sensibilität auf viele Überraschungen besser vorbereitet sein. Und noch eine Bemerkung: Der Band gereicht auch unserer Gesellschaft zur Ehre. Es wäre schön, wenn in anderen Fachgruppen ähnliche Publikationen entstehen würden.

© GPM-Magazin PMaktuell - Heft 2/2005, Seite 42 - 43. Alle Rechte vorbehalten.
Mehr zum Thema: Internationale Projekte



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