Eine Schatztruhe von Denkansätzen
Saynisch, M.; Lange, D. (Hrsg.): Neue Wege im Projektmanagement, Verlag GPM Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement e. V., Stuttgart 2002, 473 S., ISBN: 3924841241. Das Buch kann über die GPM Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement, Nürnberg, bezogen werden, Preis 29 EUR.
Der Herausgeber des Werks „Neue Wege im Projektmanagement“, Manfred Saynisch, der auch das gleichnamige GPM-Forschungsprogramm leitet, und acht Autoren präsentieren ihre Arbeitsergebnisse von 1990-2000 zu zentralen Fragen des Projektmanagements. In ihren Beiträgen diskutieren sie zukunftsorientierte Aspekte, ob beispielsweise die traditionellen Projektmanagementinstrumente ausreichen, um die zunehmende Komplexität in Projekten bewältigen zu können, und welche Impulse die neuen Erkenntnisse der Natur- und Sozialwissenschaften zu dieser Problematik anbieten.
Die Themen des Buches sind anhand von acht Kapiteln (z. B. „Die soziale Architektur von Projekten – Das Zusammenwirken von sozialen, technischen und komplexen Systemen“, „Das evolutionär-systemische und kybernetisch-systemische Paradigma als zentrales Thema. Aufbruch – Frühzeit – erste Höhepunkte der „Neuen Wege im Projektmanagement“ …) weitgehend chronologisch (1990–2000) gereiht. Das führt dazu, dass sich die Arbeitsergebnisse mit Fortschreiten des Buches partiell wiederholen. Die Entscheidung der beiden Herausgeber Saynisch und Lange für einen derartigen Aufbau des Buches erklärt den großen Umfang und erschwert das Lesen des Werks sowie den Zugang zum Kern der Inhalte. Eine leserfreundlichere Systematik sowie eine Verdichtung der Inhalte hätten dem Buch gut getan. Darüber hinaus werden für Fachfremde nicht geläufige Begriffe, wie z. B. Autopoiesis, weitgehend nicht bei der erstmaligen Anführung des terminus technicus erläutert, sondern aufgrund der gewählten Anordnung der Forschungsergebnisse inmitten des Werkes definiert. Daher wäre ein Glossar wünschenswert gewesen.
Ein Merkmal des Buches besteht darin, dass Hypothesen vorgestellt werden, welche die Vision eines neuen Projektmanagements beinhalten, die jedoch in der vorliegenden Ausgabe nicht empirisch überprüft werden. Die Herausgeber stellten dem Werk den Titel „Neue Wege“ voran, konnten aber das Neue nicht plausibel belegen. Damit schüren die Herausgeber Erwartungen, die sie vor Fachkundigen nicht erfüllen können. Die veröffentlichten Arbeitsergebnisse seit 1990 zeigen viele Ansätze (z. B. Selbstorganisation, weiche Faktoren …) auf, die dem wissenschaftlich orientierten Leser sowie dem umsichtig handelnden Projektpraktiker i. d. R. inzwischen aus verschiedenen Disziplinen sowie aus der Praxis prinzipiell bekannt sind. Zudem wurden die im Projektmanagement heutzutage bedeutenden systemorientierten aktuellen Entwicklungen der Betriebswirtschaftslehre kaum aufgenommen.
Jedoch besteht eine große Leistung des Herausgebers Saynisch darin, der das Werk deutlich prägt, dass durch die Verknüpfung der grundlegenden Ausprägungen der Kybernetik, der System- und Komplexitätstheorie, des Modells Lebensfähiger Systeme, der Evolutionstheorie sowie des Konstruktivismus mit dem Projektmanagement für Wissenschaft und Praxis Impulse generiert werden. Insbesondere die Evolutionstheorie und der Konstruktivismus stellen dominante Säulen des Buches dar. Deshalb wird das Werk durch Porträts von zwei herausragenden zeitgenössischen Persönlichkeiten abgerundet, mit denen eng zusammengearbeitet wurde: über Ervin Laszlo, den Mitbegründer des legendären Club of Rome und Evolutionsexperten, sowie über Heinz von Foerster, der die Entwicklung des Konstruktivismus maßgeblich beeinflusste und der zu einem bedeutenden Denker des vergangenen Jahrhunderts zählt. Saynisch wertete für seine Erkenntnisse nicht nur die relevante primäre Literatur aus, sondern stützt seine systemischen Ansätze auch auf weitere zahlreiche persönliche Gespräche mit renommierten Wissenschaftlern, wie z. B. Haken (Synergetik). Die dokumentierten, zum Teil persönlichen Geschichten um diese Wissenschaftler und ihre neuen Errungenschaften fließen pointiert in die Texte ein und bereichern das Werk.
Die Autoren gaben sich viel Mühe, dem Leser die anspruchsvollen Bausteine der evolutionär-systemischen Perspektive zugänglich zu machen, indem Thesen etabliert sowie die einzelnen Kapitel für den „schnellen“ Leser und zur Orientierung mit Zusammenfassungen aufbereitet wurden. Mehrere Interviews, Autorendiskussionen und Workshopergebnisse bieten eine Abwechslung beim Lesen. Beim Durcharbeiten des Werks wächst evolutionär ein Denkmodell heran, das permanent durch neue Sichtweisen der Natur- und Sozialwissenschaften genährt wird. Dieses Werk beinhaltet aufgrund seiner enormen Mächtigkeit an Wissen ein Potential für kreative Weiterentwicklungen im Projektmanagement, so dass es eine Schatztruhe von Denkansätzen darstellt. Die aufwändigen und mit viel Zuneigung entwickelten Abbildungen zeigen wichtige Zusammenhänge zwischen der Kybernetik sowie der System- und Evolutionstheorie auf. Um die „lernende Organisation“ und Projektmanagement somit besser verstehen zu können, werden relevante Begriffe vorgestellt, die zwischen Kybernetik sowie Evolution 1. und 2. Ordnung unterscheiden.
Diesen Ansatz überträgt Saynisch auf das Projektmanagement und entwickelt analog ein Projektmanagement 1. und 2. Ordnung (PM-2). Der Autor betont, dass beide Projektmanagementansätze je nach Branche und Projektsituation integrativ im PM-2 resultieren. Weiterhin zeigt Saynisch in diesem Kontext im Rahmen einer historisch spannenden Aufbereitung die „Geburtsstunde“ des Projektmanagements auf. Dadurch werden die Wurzeln und Denkweisen des Projektmanagements offen gelegt, die im Kern aus einem Zusammenspiel „harter“ und „weicher“ Faktoren bestehen. Dieser Aspekt stellt prinzipiell keine neue Erkenntnis (mehr) dar, jedoch sollten die Akteure sowohl in der Theorie als auch in der Praxis an solche Zusammenhänge immer wieder erinnert werden. Ein weiteres Verdienst dieses Buches besteht darin, dass es die Sollzustände des Projektmanagements und die inneren dynamischen Verknüpfungen der Einflussfaktoren des Projekterfolgs vermittelt. Das Buch kann daher auch als Nachschlagewerk sowie die Zusammenfassungen und Thesen können als Impulsgeber für Checklisten beim Start eines Projektes, in schwierigen Projektsituationen und zur Reflexion des eigenen Handelns bei Meilensteinen oder beim Projektabschluss verwendet werden.
Als Fazit kann festgehalten werden, dass trotz der mangelnden inhaltlichen Konsistenz, was in der Welt der evolutionären Systemtheoretiker nicht unbedingt eine Schwäche darstellt, die Autoren einen vielfältigen interdisziplinären Überblick verschiedener populärer Richtungen der Natur- und Sozialwissenschaften zum Umgang mit Komplexität vermitteln, wobei ökonomische Sachverhalte nicht behandelt werden. Darüber hinaus konnten einige Sachverhalte in dem Werk nicht befriedigend geklärt werden (z. B. das Erlernen der neuen Denk- und Handlungsmuster, Evolution 1. Ordnung …). Die Herausgeber antizipieren derartige Einwände bereits im Vorwort, indem sie das Buch als „Zwischen- und Werkstattbericht“ bezeichnen.
Der hohe persönliche Einsatz aller an diesem Werk Beteiligten ist beim Lesen zu spüren und motiviert, sich weiter mit den evolutionär-systemischen Sachverhalten des Projektmanagements, die in dieser Tiefe und Breite einmalig sind, auseinander zu setzen. Auf diesem Fundament kann weiter aufgebaut werden, um struktur- und handlungsspezifische Erkenntnisse zu gewinnen. Nach der intensiven Auseinandersetzung mit diesem Werk kann trotz der aufgezeigten offensichtlichen Mängel das Prädikat „empfehlenswert“ verliehen werden.
© GPM-Magazin PMaktuell - Heft 1/2005, Seite 39 - 40. Alle Rechte vorbehalten.