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Thomas Flucher, Bernd Kochendörfer, Ursula von Minckwitz, Markus G. Viering: Mediation im Bauwesen.
Ernst & Sohn 2002, 470 Seiten, ISBN: 9783433014738.


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Buchbesprechung von Heinz Schelle

Das voluminöse Werk ist das Ergebnis der interdisziplinären Zusammenarbeit von Ingenieurwissenschaftlern, insbesondere Bauingenieuren, von Architekten, Juristen, Psychologen, Sozialpädagogen, Politologen und Wirtschaftswissenschaftlern. Es ist sehr übersichtlich in folgende Hauptabschnitte gegliedert:

  • Mediation als alternatives Konfliktlösungsverfahren
  • Einsatzbereiche der Mediation im Planungs-, Bau- und Umweltbereich
  • Mediation in Deutschland
  • Mediation in der Schweiz
  • Mediation in Österreich
  • Praxisberichte von Mediationen und mediationsähnlichen Verfahren

Dieser letzte Teil enthält zehn Beispiele aus der Bundesrepublik, Österreich und der Schweiz, u. a. ein Mediationsverfahren bei der Erweiterung des Flughafens Wien und ein Vermittlungsverfahren zu Nachtragsforderungen beim Bau des DaimlerChrysler-Gebäudes am Potsdamer Platz in Berlin (König und Bauer).

Insgesamt umfasst der Sammelband 29 Beiträge, ein Umfang, der es dem Rezensenten verbietet, auf jeden einzelnen einzugehen. Wenn einige Aufsätze besonders hervorgehoben werden, so impliziert das selbstverständlich in keinem Fall ein Qualitätsurteil über die nicht ausdrücklich hervorgehobenen Beiträge.

Das Buch wird eröffnet mit einem kurzen Grundsatzartikel der vier Herausgeber, in dem die Prinzipien der Mediation, die Anforderungen an einen Mediator und die geschichtliche Entwicklung dargestellt werden. Drei Definitionen für Mediation werden angeboten. Da nicht unterstellt werden kann, dass der Begriff allen Lesern vertraut ist, soll eine Definition (S. 6) hier angeführt werden:

  • „Mediation ist ein außergerichtliches Konfliktregelungsverfahren.
  • Das Verfahren ist freiwillig und konsensorientiert.
  • Alle am Konflikt beteiligten Parteien nehmen auch am Verfahren teil.
  • Im Verfahren unterstützt der Mediator allparteilich die Konfliktparteien darin, gemeinsam in einer fairen Vorgehensweise eine Konsenslösung zu entwickeln.
  • Der Mediator ist für die fachgerechte, Konsens fördernde Leitung des Verfahrens zuständig.
  • Den Abschluss einer Mediation bildet im Regelfall eine verbindliche, umsetzbare Vereinbarung zwischen den Parteien darüber, wie die Konfliktfrage geregelt wird (allenfalls auch darüber, wie künftig mit konfliktträchtigen Fragen umgegangen wird).
  • Das eigenverantwortliche, gemeinsame Erarbeiten der Regelung ermöglicht den Parteien, langfristig tragbare Beziehungen zu entwickeln, die über das Verfahren hinausreichen.“

Der wesentliche Unterschied zu anderen Konfliktregelungsverfahren besteht darin, dass die Verantwortung für die Lösung bei den streitenden Parteien liegt und nicht neutralen Dritten zugewiesen wird.
Im Grundsatzbeitrag wird auch bereits auf eine Variante der Mediation hingewiesen, die von den Herausgebern neu definiert wurde, nämlich die mediative Sachverständigenvermittlung, die ebenfalls an Praxisbeispielen erläutert wird. Bei dieser Form der Konfliktregelung wird der Sachverstand des Mediators stärker in die Konsensfindung eingebunden, was freilich die Gefahr in sich birgt, dass die Eigenverantwortung der Konfliktparteien abgeschwächt wird.

In einem zweiten Beitrag von Flucher („Überblick Konfliktregelungsverfahren und Anwendungstypen der Mediation“) werden unter Bezug auf das bekannte Modell der Eskalationsstufen von Glasl die Interventionsmöglichkeiten auf den verschiedenen Stufen gezeigt und die Konfliktregelungen mit neutralen Dritten von der Mediation über die Schlichtung und das Schiedsgericht bis zum Rechtsweg herausgearbeitet. Flucher behandelt anschließend verschiedene Anwendungstypen der Mediation anhand des einfachen Vorgehensmodells Konzept- und Projektierungsphase – Realisierungsphase – Betriebsphase. Der gleiche Autor stellt dann auch ein „Vorgehensmodell Mediation“ vor, das auf die komplexeste Ausgangslage ausgelegt ist. Dem folgen die Schilderung des „Vorgehensmodells Mediative Sachverständigenvermittlung“ durch Rinas und Viering und eine detaillierte Checkliste zum Mediationsvertrag und zur Verfahrensordnung von Hertel.

Weit über das Thema „Mediation“ hinaus geht der Aufsatz „Mediation aus Sicht der Psychologie“ (Gollenia und Raberger). Die Botschaft der beiden Autoren im Ausblick lautet: Präventives Konfliktmanagement, etwa durch Partneringmodelle, ist der „Brandbekämpfung“ vorzuziehen. Ein solcher Wandel erfordert aber eine neue Konfliktlösungskultur. Der Methodenteil wird abgeschlossen durch den Aufsatz „Pre-Mediation – Die Bedeutung der fachgerechten Initiierung einer Mediation“ von Lenz und Fackler, in dem die Tätigkeiten der Startphase eingehender erläutert werden.

In dem folgenden Teil, in dem auf verschiedene Einsatzbereiche der Mediation eingegangen wird, finden sich Beiträge über Mediation aus umweltpolitischer Sicht (Zilleßen), bei umweltrelevanten Großvorhaben (Kochenburger), bei der Abwicklung eines Bauprojekts (v. Minckwitz) und über spezielle Konflikte im Verlauf von Bauprojekten (v. Minckwitz und Franqué).

Im länderspezifischen Teil wird für Deutschland eine Abgrenzung zu anderen Konfliktbewältigungsverfahren (z. B. Klageverfahren, selbständiges Beweisverfahren, Schiedsgerichtsverfahren und Schlichtung) durch Hertel vorgenommen, rechtliche Grundlagen und Risiken der Mediation (Riemann) werden geklärt und das Sachverständigenwesen in der Bundrepublik im Hinblick auf Kombinationsmöglichkeiten mit Mediation diskutiert (Ruf). Für die Schweiz geben zwei Autoren (Bösch und Flucher) einen Überblick über rechtliche Regelungen in Konfliktfällen bei Bauvorhaben und über den Status der Mediation bei den Eidgenossen. Berichte über die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Mediation und ihren Status werden auch für Österreich geboten (Aspöck und Zieher).

Der Beispielteil, in dem erfreulicherweise auch kleinere Projekte zu finden sind, enthält neben den schon erwähnten Vorhaben (DaimlerChrysler am Potsdamer Platz in Berlin und Erweiterung des Flughafens Wien) noch folgende weitere Fälle, in denen Mediation oder mediationsähnliche Verfahren eingesetzt wurden:

  • Erschließung eines neuen Kiesabbaugebiets in der Ostschweiz (Müller)
  • Mediationsverfahren Tauern-Eisenbahnachse im Gasteinertal (Flucher)
  • Erweiterung eines Sägewerks in Ybbs an der Donau (Hütter)
  • Mediation der Bauverzögerungen bei einem Senioren- und Pflegeheim (Fackler und Lenz)
  • Mediative Sachverständigenvermittlung zu Nachtragsanforderungen beim Bau eines Straßentunnels (Kochendörfer)
  • Bürgerbeteiligungsverfahren Gestaltung des Wiener Platzes in München (Sellnow)
  • Gestaltung des Bahnhofsvorplatzes in Hamburg-Bergedorf (Troja)
  • Stadtentwicklung Olten-Südwest (Remund)

Ein detailliertes Stichwortverzeichnis, bei dem großen Umfang des Sammelbandes unentbehrlich, schließt den Band ab.

Abschließende Würdigung

Den Herausgebern gebührt großer Dank dafür, dass sie es geschafft haben, das Thema Mediation aus der Sicht verschiedenster Disziplinen und umfassend zu bearbeiten. Besonders hervorzuheben ist, dass sich die Autoren keineswegs nur auf die Mediation oder mediationsähnliche Verfahren beschränkt haben, sondern diese außergerichtlichen Konfliktregelungsverfahren in einen großen Zusammenhang gestellt und die Beziehungen zu anderen Ansätzen, darunter auch zu solchen der Konfliktprävention, sehr klar dargelegt haben. Die zahlreichen Praxisbeispiele tun ihr Übriges, um das Werk nicht nur zu einem unentbehrlichen Ratgeber für den Bau- und den Anlagenbau zu machen. Es sollte vielmehr auch Anregungen für die Entwicklung ähnlicher Modelle in anderen Branchen, insbesondere in der IT-Branche, geben. Die Basis dafür ist geschaffen.

© GPM-Magazin PMaktuell - Heft 2/2004, Seite 38 - 39. Alle Rechte vorbehalten.
Mehr zum Thema: Mediation, Bauprojekte



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