Von Oliver Steeger
Ich meinte, in der „Projektmanagement aktuell“ gute Nachrichten verbreiten zu können, als ich für das Thema „Karriere im Projektmanagement“ zu recherchieren begann. Meine Logik: Projektmanager bewegen die Wirtschaft, suchen Herausforderungen und sammeln nachprüfbare Erfolge. Dann müssten ihnen die Karrierewege weit offen stehen. Dachte ich. Ich sah mich bald getäuscht.
Zunächst vernahm ich durchaus Ermutigendes. Das Potential für fähige Projektleiter in der Wirtschaft ist groß. Ihre Kunden fordern leistungsfähiges Projektmanagement deutlicher denn je. Dieses Potential zeichnet sich ab auch außerhalb der klassischen Projektmanagement-Branchen wie Bau, Automotive und IT. Sogar Vorhaben, die vor Jahren noch wenig „projektverdächtig“ waren, werden heute zu Projekten gemacht. Messeauftritte – gelegentlich auch ein Projekt! Umzüge – ein Projekt! Die Produktion des Jahresbedarfs an Industriebauteilen für Bremsen – gelegentlich auch ein Projekt!
Die Wirtschaft braucht ihre Projektleiter. Daraus sollte man den betriebswirtschaftlich sinnvollen Schluss ziehen: Auf ihren Bedarf antwortet die Wirtschaft auch mit angemessenen Karriereperspektiven. Doch weit gefehlt! Mögen Unternehmen in die Ausbildung und auch die Zertifizierung ihrer Projektleiter investieren: Für die persönliche Karriereentwicklung gilt dies selten. Resignation war zu hören, als mein Interviewpartner Heinrich Keßler mir in den Notizblock diktierte: Projektmanager sollten (vorerst) von der Hoffnung Abschied nehmen, dass bei ihrer beruflichen Entwicklung die Unternehmen Initiative ergreifen.
Unlängst hat die „Projektmanagement aktuell“ über eine internationale Befragung zur Zukunft des Projektmanagements berichtet. Die GPM hatte ausgewiesene Experten aus 23 Ländern um ihre Meinung gebeten. Ihr Trend-Votum zum Thema Projektleiter-Karriere: „Neben dem beruflichen Aufstieg in der Linie wird zunehmend auch Karriere durch Projekte an Bedeutung gewinnen.“
Das ist in Deutschland weitgehend Zukunftsmusik. Heute warten hoch motivierte Mitarbeiter, die teilweise Millionenprojekte verantworten, im Karrierestau. Gesuchte Spezialisten, die in der Wirtschaft etwas bewegen, stehen ratlos vor der Frage, wie sie ihre Karriere voranbringen können. Mehr noch, nicht ohne Neid sehen sie, dass Unternehmen ihre Kollegen aus der Linie fördern und ihnen beruflich die Karriereleiter halten. Manchmal wird aufstiegswilligen Projektleitern empfohlen, eben auf diese Linien-Karrierewege zurückzukehren und dort in der Hierarchie aufzurücken. Einige Unternehmen rekrutieren sogar Top-Manager aus der Riege ihrer Projektleiter. Das Rezept „Erst Projekte, dann Unternehmen führen“ mag aufgehen. Einwände seien allerdings erlaubt. Ob Projektleitung tatsächlich auf Unternehmensleitung mit all ihrer Politik vorbereitet, ist weiter zu diskutieren. Ob Projektleiter diesen Weg für sich so selbstverständlich wünschen, daran darf mit Sicherheit gezweifelt werden.
Da wundert es nicht, wenn die Personalberater und persönliche Coaches derzeit eher empfehlen, dass Projektleiter ihre Karriere wie ein Projekt selbst in Angriff nehmen. Glücklicherweise gibt es „erfahrene Hasen“, die den Projektleitern die Hand reichen. Sie suchen mit ihnen den beruflichen Weg, beraten sie, wann der richtige Zeitpunkt ist, beruflich voranzukommen, welche Richtung der Weg nehmen könnte, wo sich lohnende Ziele am Horizont abzeichnen. Symptomatisch für die aktuelle Lage ist der Rat von Heinrich Keßler, im Zweifelsfalle solle, müsse der aufstiegswillige Projektleiter das Unternehmen wechseln (siehe Beitrag „Wenn Leistung allein nicht voranbringt …“ ab Seite 8).
Projektmanager beginnen ihren Marktwert gut einzuschätzen. Sie qualifizieren sich, sammeln Erfahrungen und lassen sich beispielsweise mit einem Projektmanagement- Zertifikat ihr Know-how bescheinigen. Unternehmen, die diese Projektleiter gewinnen und halten wollen, sind gut beraten, ihnen Karrierewege zu öffnen. So kann für beide Seiten eine fruchtbare „Win-win-Situation“ entstehen.
Einige Unternehmen haben dies erkannt. Bei der Deutschen Telekom ist aktuell von tarifvertraglichen Regelungen für Projektleiter die Rede. Andere Unternehmen – beispielsweise Lufthansa Systems und Siemens – erprob(t)en erfolgreich Karrieremodelle und fördern die Personalarbeit für Projektleiter. Diese Initiativen ermutigen, sie kommen zur rechten Zeit und werden Schule machen. So betrachtet, sind nicht nur gute Zeiten für das Projektmanagement angebrochen. Es werden (über kurz oder lang) auch gute Zeiten für die Projektmanager selbst anbrechen.
© GPM-Magazin PMaktuell - Heft 3/2003, Seite 2. Alle Rechte vorbehalten.
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