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Von Oliver Steeger

Gern sei er in Asien, bekundete Heinrich von Pierer nach der Rückkehr aus dem Reich der Mitte. „Die Wachstumsraten sind dort beeindruckend“, diktierte der oberste Siemens-Chef Journalisten der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ in den Notizblock. Ihm mache die Aufbruchsstimmung Freude, die Begeisterung für Technik, überhaupt die Begeisterungsfähigkeit. Und er sehe gute Chancen für weitere Transrapid-Aufträge in China, jenes Vorzeigeprojekt, das endlich wieder bundesdeutsches Know-how in die Schlagzeilen brachte.

So wie von Heinrich von Pierer erhalten immer mehr deutsche Projektmanager den Segen der Unternehmensspitze, sich in Asien zu engagieren, vor allem in China. Doch dort angekommen, gesellt sich schnell Ernüchterung zur Aufbruchsstimmung. An dem rasanten Aufbruch in China teilzunehmen, das koste nach Einschätzung chinakundiger Projektmanager Nerven. „Man muss Abschied nehmen von aus unserer Sicht vielen Selbstverständlichkeiten im Geschäftsleben und Projektgeschäft“, gibt Maik Ullrich, Geschäftsführer der „Hamburg Projektmanagement GmbH“, seinen Kollegen mit auf den Weg. Nach seinen Aufenthalten in China ist er überzeugt: „Mit Projekten in China Geld zu verdienen ist ein unglaublich mühsames Geschäft.“ Nicht nur für die Unternehmen. Vor allem für die Projektmanager. Dabei ist China in Sachen Projektmanagement Vergleichsweise gut vorbereitet. Die chinesischen Projektleiter sind solide ausgebildet. An vielen Hochschulen gehört Projektmanagement zum Curriculum. Gewaltige Projekte wie der Drei-Schluchten-Staudamm machen Furore. Mangelhaftes Projektmanagement, das beklagen West-Projektleiter in China selten. Was ihnen das Leben mehr oder weniger erschwert, das sind die kulturellen Differenzen zwischen Ost und West, historische Vorbehalte, komplizierte Strukturen und unterschiedliche Mentalitäten.

Die jahrtausendealte chinesische Kultur sowie die jüngere Geschichte des Landes wirken sich deutlich auf das Geschäftsleben aus. So steht beispielsweise in China das zwischenmenschliche „Networking“ im Vordergrund. Persönliche Vorteilsnahmen gelten in China nicht als anrüchig. Verträge gelten, so pointiert Maik Ullrich, bis die Tinte trocken ist – danach garantieren nur persönliche Beziehungen die Einhaltung. „Abmachungen, sogar unterzeichnete Verträge scheinen zu schwimmen“, meint er. „Sich allein auf schriftlich getroffene Abmachungen zu verlassen – dieses für uns selbstverständliche Vorgehen kann in China hoffnungslos scheitern.“ Und: „Vielleicht liegt dies daran, dass sich in China erst seit den letzten Jahren ein transparentes Rechtssystem mit einem freien Vertragswesen entwickelt.“ Seine Beobachtungen werden von der China-Expertin Petra Müller gestützt: „In der Tat ist es so, dass Chinesen Verträge flexibler auslegen und häufig nachverhandeln.“

Das jedoch hindert Unternehmen selten, ihre Projektmanager ins Reich der Mitte zu entsenden. Der Schwindel erregende Aufschwung in den chinesischen Boom-Regionen zieht die westliche Industrie magisch an. China gibt starre Reglements auf und hat mit dem Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO ausländische Investitionen erleichtert. Investitionen stehen an.

© GPM-Magazin PMaktuell - Heft 2/2003, Seite 41 - 43. Alle Rechte vorbehalten.
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