Kritik der systemtheoretischen Ansätze im Projektmanagement

Von Günter Drews

Diese Abhandlung setzt sich kritisch mit dem im Arbeitskreis „Neuorientierung im Projektmanagement” der GPM eingeschlagenen Weg auseinander, eine Projektmanagementtheorie und -praxis auf systemtheoretischer Grundlage zu entwerfen. Sie kritisiert eine systemische Verengung des theoretischen Bezugsrahmens, der andere fruchtbare, in der Praxis bewährte Ansätze wie interpretative und handlungsorientierte Theorien aus dem Blick verliert. Begrenzter neuer Erkenntnisgewinn und Fehlentwicklungen der „Neuen Wege im Projektmanagement” werden an den Beispielen Zielbildungsprozess und Projektabschluss analysiert. Der zweite Teil (in Heft 3/2003) beschreibt die Grundzüge eines handlungsorientierten Projektmanagements auf Basis der Theorie der Strukturierung von Giddens. Mit der „Theory of Constraints“ von Goldratt und dem „Accelerated Solution Environment™ „von Cap Gemini Ernst & Young werden beispielhaft in der Praxis bewährte Vorgehensweisen dargestellt, die belegen, wie fruchtbar interpretative Ansätze für eine Projektmanagementpraxis nutzbar gemacht werden können.


Etwa ab dem Jahre 1986 beschäftigte sich der Arbeitskreis „Neuorientierung im Projektmanagement“ der GPM eingehend mit einer Standortbestimmung der aktuellen Projektmanagementtheorie und –praxis (Ausgangspunkt war eine vermutete „Krise des Projektmanagements“, die jedoch nur vage expliziert wurde – „unterschiedlichen Facetten des ,Unbehagens‘“). Das Gefühl der Unzulänglichkeit der damalig aktuellen Projektmanagementpraxis speiste sich einerseits aus den westlichen betriebswirtschaftlichen Produktivitäts- und Qualitätsinitiativen, angefangen

  • mit dem Total-Quality-Management-Ansatz von Deming W. Edwards (1982),
  • den von Saynisch zitierten Autoren Piore und Sabel mit der Veröffentlichung „The Second Industrial Divide“ (1984),
  • der „Theory of Constraints“ von Eliyahu M. Goldratt (1984) und weitergeführt mit
  • dem Lean-Management-Ansatz von James P. Womack (1990) „The Machine That Changed The World“ sowie
  • dem „Business Process Reengineering“ von Michael Hammer (1993).

Andererseits zeigte ein Blick auf die sozialwissenschaftliche Theoriebildung, dass zunehmend systemtheoretische Denkmodelle aus der Biologie der lebenden Organismen in die Sozialwissenschaften übertragen wurden und dort in verschiedenen Facetten zum sozialwissenschaftlichen Mainstream avancierten.

Das Unbehagen manifestierte sich darin, dass sich aus den betriebswirtschaftlichen Ansätzen eine gesteigerte Bedeutung des Projektmanagements ableiten ließ, die Theorie und Praxis des Projektmanagements aber weder die Produktivitäts- und Qualitätsinitiativen reflektierten noch über eine adäquate Theorie für diese neuen Herausforderungen verfügten. Die Neuorientierung war noch als pluralistischer Ansatz vorgesehen: „Eine wie auch immer erneuerte Methodenlandschaft des Projektmanagements wird nicht als monolithische Lehre gedacht. Angestrebt wird vielmehr ein offenes Netzwerk von Konzepten und Regeln, in dem sich auch Gegensätzliches vereinigen lässt und in dem die Freiheit für fruchtbare Begegnungen offen gehalten wird.“

Allerdings zeigte sich mindestens in den darauf folgenden Veröffentlichungen, dass der Arbeitskreis weitgehend systemtheoretischen Ansätzen folgt und Pluralismus nur noch innerhalb der Facetten der Systemtheorie gepflegt wird. Im Dokumentationsband des Deutschen Projektmanagementforums 1997 werden ausschließlich Spielarten der Systemtheorie als theoretische Basis für Projektmanagement diskutiert, so

  • die Theorie sozialer Systeme nach Luhmann und Wilke,
  • die konstruktivistische Sozialtheorie, hier nur nach der sozialkybernetischen Variante von Hejl,
  • die Theorie der lebenden Organisation von Maturana und
  • Sozialkybernetik (Kybernetik IV).

Eine ähnliche Ausrichtung findet sich auch im Sammelband „Networking und Projektorientierung“, der im Wesentlichen Beiträge derselben Autoren des Dokumentationsbandes enthält. Die Adoption der „System Dynamics“ als derzeit neueste Variante der „Neuorientierung im Projektmanagement“ liegt auf derselben Linie. Darüber hinaus wirkt dieser Ansatz anscheinend „schulbildend“, da sich zunehmend Autoren, die sich mit Aspekten des Projektmanagements beschäftigen, auf ein systemtheoretisches Fundament beziehen. Ich halte die Fokussierung auf systemtheoretische Ansätze für eine bedenkliche Verengung.

© GPM-Magazin PMaktuell - Heft 2/2003, Seite 16 - 21. Alle Rechte vorbehalten.
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