Von Heinz Schelle

Bereits zweimal (Heft 4/2001 und Heft 4/2002) wurde über Expertenaussagen zur Zukunft des Projektmanagements berichtet. Um es nochmals in Erinnerung zu rufen: 34 Fachleute aus 11 Ländern hatten nahezu 200 Thesen formuliert, sie nach ihrer Wichtigkeit beurteilt und den Grad ihrer Zustimmung quantifiziert. Obwohl ein Zeithorizont von 10 Jahren gewählt worden war, erstaunte es mich sehr, dass Thesen, wie sie von den Vertretern des „Neuen Denkens im Projektmanagement“ um Balck und Saynisch formuliert wurden, darunter kaum zu finden waren. Nun kann der Insider natürlich einwenden, dass ein wichtiger Vertreter, der ganz bewusst von den Organisatoren eingeladen wurde, erkrankt war und ausscheiden musste. Lag es also vielleicht doch nur daran, dass die Auswahl der Experten einseitig war? Ich zweifle daran, vor allem deshalb, weil bei der Befragung darauf geachtet wurde, nicht nur „Hardliner“ und „Toolfreaks“ in das Panel aufzunehmen. Ein gewisses Indiz, dass die personelle Zusammensetzung so einseitig nicht gewesen sein kann, war auch die Tatsache, dass die Entwicklung von neuen Werkzeugen als mehr oder weniger abgeschlossen beurteilt wurde und insgesamt den Tools verhältnismäßig wenig Bedeutung zugemessen wurde. Meine Vermutung, dass es nicht oder nicht nur die fehlende Präsenz von Vertretern der Avantgarde im Projektmanagement war, wird durch den Aufsatz von Günther Drews „Neuorientierung oder Glasperlenspiel? Kritik der systemtheoretischen Ansätze im Projektmanagement“ in dieser Nummer verstärkt. Meine Zweifel an der Praktikabilität eines schon seit Jahren versprochenen Projektmanagements 2. Ordnung sind gewachsen.

Drews nimmt die Diskussion, die in dieser Zeitschrift 1997 mit einer ausführlichen Rezension des von Balck herausgegebenen Sammelbands „Networking und Projektorientierung“ (Heft 1/1997) und einer detaillierten Replik von M. Saynisch (Heft 3/1997) hoffnungsvoll begonnen hatte, die aber mangels Resonanz bei unseren Lesern nicht weitergekommen war, wieder auf. Hier ist also jetzt ein zweiter Versuch: Der Verfasser übt, unterstützt von vielen namhaften Eideshelfern in der Literatur, harte Kritik und konkretisiert sie an einigen Beispielen aus dem Projektmanagement. Seine Angriffe richten sich vor allem gegen das Paradigma der Selbstorganisation, aber z. B. auch gegen den Versuch, mit dem Systems-Dynamics-Ansatz weiterzukommen. Der Gedanke, dass es sich bei einigen Ideen um des „Kaisers neue Kleider“ handeln könnte, ist nicht immer ganz leicht abzuweisen.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich selbst halte die Ideen der Vorreiter unserer Disziplin immer noch für intellektuell äußerst anregend, gleichzeitig befürchte ich aber, dass sie bei vielen Leuten erheblichen Schaden anrichten können. Ein Beispiel aus der eigenen Beratungspraxis, erst vor wenigen Monaten passiert: Ich war zu einem Treffen von Verantwortlichen eines sehr umfangreichen sozialwissenschaftlichen Forschungsprogramms eingeladen worden und um mein Urteil in Sachen Projektmanagement gebeten worden. Ich bin sicher, dass auch die „Modernisten“, wenn ich sie einmal, absolut nicht abschätzig gemeint, so nennen darf, zum gleichen Ergebnis gekommen wären wie ich: Von einer „Planlastigkeit des Handelns“ (Balck) keine Spur, vielmehr hätte das Projektportfolio ein wenig Struktur – PSP, Meilensteinplan und all die „altmodischen“ Dinge – gut vertragen können. Mein vorsichtiger Rat, sich doch in angemessener Weise dieser traditionellen Strukturierungsmittel zu bedienen, wurde ziemlich brüsk abgelehnt. Ein sehr beredter Sozialwissenschaftler fragte mich leicht ungehalten, ob ich noch nie vom Paradigma der Selbstorganisation gehört hätte. Was ich damit sagen will: Die neuen Gedanken könnten als Alibi für den Verzicht auf jegliche Projektplanung benutzt werden. Unternehmen, die bis heute noch kein systematisches Projektmanagement haben – und das sind leider noch viel zu viele –, könnten ihr ständiges Durchwursteln damit rechtfertigen, dass sie, um einen mühsamen Paradigmenwechsel zu vermeiden, gleich mit Projektmanagement 2. Ordnung beginnen wollen. Übrigens gibt es eine interessante Parallele in der IT-Branche: Hier wird – in Podiumsdiskussionen immer wieder einmal vom Verfasser erlebt – zwar nicht auf das Goldene Zeitalter eines Projektmanagements höherer Ordnung gewartet, sondern auf neue Tools, von denen man sich das Heil erhofft.

Sollte man daraus den Schluss ziehen, dass die einschlägigen Bücher und Aufsätze wie die Bibel im Mittelalter an eine Kette gelegt werden müssen, damit sie nicht in falsche Hände geraten? Ich denke, dass das der falsche Weg wäre. Besser wäre es, in eine intensive Diskussion einzusteigen, um zu prüfen, was wir von den neuen Ideen übernehmen können und was nicht. Selbst wenn das „Neue Denken“ uns nur wieder einmal Zusammenhänge in das Gedächtnis ruft, auf die die Organisationspsychologen schon viel früher empirisch gut fundiert hingewiesen haben, wäre bereits einiges gewonnen. Schreiben Sie uns Ihre Gedanken zum Beitrag von Günther Drews.

© GPM-Magazin PMaktuell - Heft 2/2003, Seite 2 - 4. Alle Rechte vorbehalten.
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