12 streitbare Thesen zum derzeitigen Stand des Projektmanagements im Bauwesen in Deutschland

Von Dietmar Marohn

Die Bauwirtschaft ist seit einiger Zeit von einer starken Rezession betroffen, ein Ende ist nicht so richtig in Sicht. Um andere Branchen macht diese Rezession auch keinen Bogen, doch scheint es, als ob dort wesentlich mehr und intensiver auf Projektmanagement als Methodik für effektive Geschäftsprozesse zurückgegriffen wird, als dies im Bauwesen der Fall ist. Sicher lässt sich eine schlechte Auftragslage allein nicht mit den Methoden des Projektmanagements bekämpfen. Die weit verbreitete Ablehnung und Skepsis von Projektmanagement gerade im Bauwesen am Anfang des 21. Jahrhunderts müssen einem aber dennoch stark zu denken geben.

Zunächst sei erst einmal definiert, was hier unter Bau-Projektmanagement verstanden sein soll: das Management von Projekten der Entwicklung, Planung, Errichtung und/oder Betreibung von Gebäuden und/oder Anlagen der technischen Infrastruktur sowie der Raum-, Regional- und Stadtplanung (nachfolgend Bau-PM oder Bau-Projekte genannt). Insofern werden Begriffe wie Immobilienmanagement, Facility-Management, Raumordnungsmanagement u. a. m. hier mit eingeschlossen.

Die nachfolgenden Thesen stellen derzeit häufig anzutreffende Probleme beim Umgang mit Projektmanagement in (zumeist mittelgroßen) Bau-Projekten dar. Einige Lösungsansätze werden aufgezeigt.

These 1: Bauprojekte können sowohl interne als auch externe Projekte sein. Der interne Charakter der Projekte wird häufig übersehen oder unterschätzt.

In einer Portfolio-Übersicht werden die feinen Differenzen in der Art von Bauprojekten deutlich. Obwohl allgemein Bauprojekte zu externen Projekten gezählt werden, ist diese Zuordnung ein wenig zu global. Das Projektergebnis (das Bauwerk) kann sowohl für einen Dritten (externe Projekte) oder für den Eigenbedarf (interne Projekte) bestimmt sein. Der Anteil von eigenen und fremden (externen) Projektmitarbeitern ändert daran nichts. Selbst der Extremfall, bei dem ein Kunde bei einem Generalübernehmer oder Bauträger ein schlüsselfertiges Gebäude inkl. Planung bestellt, stellt für den Kunden ein internes Projekt dar: Es müssen durch den Kunden der Leistungsumfang und die Qualität definiert, Kosten und Termine vereinbart, Verträge verhandelt, die Finanzierung gesichert werden u. a. m. Insofern unterscheidet sich auch der eben geschilderte Neubau-Prozess vom Kauf einer bestehenden Immobilie. Letzteres stellt kein Projekt dar. Es scheint vielleicht übertrieben, einem Käufer eines Reihenhauses erklären zu wollen, dass er ein internes Projekt betreibt, jedoch wird dies sehr schnell bei größeren Projekten einleuchten, bei denen z. B. ein neues Produktionsgebäude entstehen soll.

Diese Erkenntnis wird oft genauso übersehen oder ignoriert wie die Besonderheit der externen Projekte, die darin liegt, dass diese auch einen internen Charakter haben, ein internes Moment. Jedes (Bau-)Projekt besteht aus Teilprojekten, die jeweils von verschiedenen Gruppen, darunter ggf. auch externe Gruppen, bearbeitet werden. Diese externen Gruppen (Architekten, Statiker, Baufirmen etc.) müssen das ihnen übertragene Teilprojekt zu „ihrem“ Projekt machen. Damit das (Teil-)Projektergebnis extern weitergereicht werden kann, muss es erst einmal zu einem internen Projektergebnis werden. Daraus wird deutlich, dass die Anwendung von PM-Methoden nicht nur Sache eines ggf. eingeschalteten Projektsteuerers ist, sondern im entsprechenden (Teil-)Umfang Sache aller (externen) Projektbeteiligten. Dies müssen noch viele Planungsbüros und Baufirmen verinnerlichen.

These 2: Die Akzeptanz von PM ist im Bauwesen in Deutschland unterentwickelt und konzentriert sich ausschließlich auf Großprojekte.

Es geht hier nicht darum, bei jedem Projekt einen (externen) Projektsteuerer einzusetzen. Bei kleineren Projekten reicht es völlig aus, wenn die Erkennntnisse der 1. These beherzigt werden. Es geht darum, dass Projektmanagement noch zu häufig als nutzlose Geldausgabe für überflüssige Leistungen, gewissermaßen als Arbeitsbeschaffungs-maßnahme für eine in den letzten 10 bis 15 Jahren entstandene Gilde von theoretischen Besserwissern angesehen wird, die sowieso nur die Kosten für eine ansprechende Bauwerksgestaltung streichen und damit der natürliche Feind der Architekten sind.

© GPM-Magazin PMaktuell - Heft 1/2003, Seite 29 - 33. Alle Rechte vorbehalten.
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