Die meisten Projektleiter werden vom Chef „geschickt“

Von Oliver Steeger

© GPM-Magazin PMaktuell - Heft 1/2003, Seite 10 - 15. Alle Rechte vorbehalten.

Nur wenige Projektmanager reden offen darüber: „Coaching“ ist in der Projektmanagement-Branche mit einem Tabu belegt. Offen darüber sprechen, sogar die Zusammenarbeit mit einem Coach bekennen? Das gilt als Eingeständnis eigener Schwäche. Lieber Zähne zusammenbeißen, Ärger im Projekt schlucken, die neue Position irgendwie ausfüllen, Konflikte mit Team und Vorgesetzten aussitzen, die eigene Karrierentwicklung zurückstellen. Doch wer sich hat coachen lassen, der ändert seine Meinung. Im Idealfall saß er einem Spezialisten gegenüber, der sowohl etwas vom Coaching als auch vom Projektmanagement versteht.

Da macht sich Resignation breit. „Ich weiß wirklich nicht mehr, wie ich mit meinem Team umgehen soll.“ Der Düsseldorfer Projektleiter – soeben mit seinem ersten Projekt betraut – will seine Mitarbeiter nicht autoritär führen, wie er es von seinem Geschäftsführer her kennt. Aber auch nicht die weiche Linie eines ehemaligen Vorgesetzten fahren. Zwischen den Stühlen sitzend, erlahmt er. Das Projekt bleibt stecken. Erst ein Coach hilft dem Bauingenieur, die verfahrene Situation zu ordnen: Der Projektleiter entwickelt eine eigene Vision für seinen Führungsstil. Und er lernt, sie im Arbeitsalltag umzusetzen. „Ich wusste zwar, wie ich es nicht machen wollte“, erklärt er hinterher, „wie ich aber meine Mitarbeiter motivieren und steuern will, zu dieser Erkenntnis bin ich im Coaching gekommen.“

Coaching. Eine große Hilfe. Vor allem aber noch ein Tabu-Thema unter Projektmanagern. Nach Einschätzung der Coaching-Expertin Ulrike Wikner werden die meisten Projektleiter von ihren Chefs zum Coaching geschickt. Nur die wenigsten folgen ihrem eigenen Impuls, die Hilfe unabhängiger Experten anzunehmen und ihre Berufspersönlichkeit weiterzuentwickeln. Sich in die Hände eines Coachs zu begeben, das heißt, persönliche Schwächen zu bekennen, das Macher-Image anzukratzen, neidvollen Kollegen Munition für Intrigen und Geschwätz zu geben. Coach? Besser nicht, auch wenn es besser wäre.

Dagegen sind Projektmanagement-Berater und Consultants mit ihren klaren Fachempfehlungen weitgehend akzeptiert. Es schmückt, sich verantwortungsbewusst Kompetenz ins Haus und Team zu holen. Nicht aber Coachs. Denn die Coach-Szene scheint auf den ersten Blick eine merkwürdige Branche zu sein, eine Sammlung von Paradiesvögeln, von Lebensberatern und Motivations-Entertainern, Sektierern, Paktierern und Parvenüs. Coaching entströmt der säuerliche Geruch des Pseudo-Therapeutischen, des Laberns und Lamentierens – derweil es im Projekt an allen Ecken und Enden brennt. Bestenfalls verschenkte Zeit, schlimmstenfalls einem Scharlatan auf den Leim gegangen.

Experte für Projektmanagement, Branche – und Coaching

Da ist was dran. „Coaching ist inzwischen zu einem Containerwort mutiert“, klagt Markus Rasche von B+B Unternehmensberatung, „es handelt sich um einen Begriff, der mit sehr unterschiedlichen Inhalten gefüllt werden kann.“ In der quietschbunten Coaching-Szene die Spreu vom Weizen zu trennen ist selbst für Insider keine Freude. Als Faustregel gilt: Der Coach sollte Experte für Coaching und den Beruf des Klienten sein, sollte zudem etwas von dessen Wirtschaftszweig verstehen, sollte sich ständig weiterbilden und selbst bei Kollegen Supervision in Anspruch nehmen. So betrachtet, bleibt nach der Trennung von der Spreu wenig Weizen übrig. Es verwundert kaum, dass Projektmanager ihre Spitzen-Coachs mit Empfehlung befreundeten Kollegen weiterreichen.



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