„Wir sind ein ganz normales Unternehmen.“
Von Oliver Steeger
© GPM-Magazin PMaktuell - Heft 3/2002, Seite 15 - 18. Alle Rechte vorbehalten.
Die „Quote“ verblüfft manchen Mittelständler: Im hohen Norden, in Rendsburg, ließ eine Organisation sage und schreibe jeden Achten ihrer Mitarbeiter zum Projektmanagementfachmann ausbilden. Und auch der Rest des Projektmanagementprogramms kann sich sehen lassen. Ein eigens eingerichtetes Projektmanagementbüro überwacht die Projekte. Ein detaillierter Projektleitfaden beschreibt neben Prozessen auch die Projektkultur und das Miteinander in Teams. Die Projektorganisation ist aufgebaut, Multiprojektmanagement ebenfalls. Mit einem vorbildlichen Blitzstart hat das norddeutsche „Unternehmen“ binnen zwei Jahren Projektmanagement eingeführt und alle Ampeln für dieses Konzept auf Grün geschaltet. IT-Branche? Ein Ingenieurbüro? Weit gefehlt. Das Unternehmen „verkauft“ Dienst am Nächsten, von dem Gedanken christlicher Nächstenliebe geleitet. Und jetzt von Projektmanagement beflügelt, wie Bernd Agge, Leiter des Projektbüros, zufrieden feststellt.
Projektmanagement in der Wohlfahrt? Weshalb denn nicht? Das „Diakonische Werk Schleswig Holstein“, so betont Bernd Agge, funktioniert wie jedes andere Unternehmen. Will meinen, in der Wohlfahrt diktieren knappe Budgets und steigende Qualitätsansprüche das Handeln. Das sei, meint der Projektfachmann, nicht anders als in anderen „Branchen“, eher schlimmer. Der Wind in der norddeutschen Wohlfahrt weht wie überall in der Republik schärfer. Und: Neue pädagogische Ansätze oder Pflegekonzepte und Entwicklungen versprechen, soziale Not und Probleme wenn nicht zu lösen, dann doch stärker zu lindern. Schnell fällt der Begriff Effektivität, allerdings mit der Einschränkung, dass es um einen humanen Anspruch geht. Und gerade zwischen diesen beiden Ansprüchen – Wirksamkeit und soziales Denken – könne Projektmanagement hervorragend vermitteln. Das ist für Bernd Agge klar wie der blaue Küstenhimmel. „Als Dachverband der Wohlfahrtspflege müssen wir betriebswirtschaftlichem und unternehmensstrategischem Denken folgen“, meint er, „nur so können wir in der heutigen Zeit wirksam helfen.“
Gleiches gelte für die 425 Einrichtungen, die Partner in dem Verband sind. Auch sie müssen, salopp pointiert, aus immer weniger Geld immer mehr „Wohlfahrt“ für die rund 55.000 Plätze im nördlichsten Bundesland machen. Bernd Agge weiß: „Wir sind ein Unternehmen.“ Und: „Wir wollen neben der Linienarbeit interne Veränderungen in Gang setzen und nach außen neue Dienstleistungen entwickeln.“ Für ihn ist Projektmanagement nicht nur ein Werkzeug, sondern ein Führungskonzept, in dem Stammorganisation und Linie gleichberechtigt nebeneinander existieren. Bernd Agges erste Bilanz für seinen Verband, der in Rendsburg direkt am Nord-Ostsee-Kanal sein modernes Domizil hat, ist vielversprechend. Die Projektorganisation steht. Sie ergänzt die Linienorganisation. Gemeinsam mit dem Vorstand gelang es sogar, die anderswo viel gefürchtete „Linie“ von den Methoden und Werkzeugen des Projektmanagements zu überzeugen. Berührungsängste gab es selten. Heute will selbst die Linie die Segnungen des Projektmanagements nicht mehr missen.
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