bef6967b-e225-4cfc-937d-53dcd24b3e7fTrueISBN3478386705LargeBooks
© GPM-Magazin PMaktuell - Heft 2/2002, Seite 33 - 34. Alle Rechte vorbehalten.
Erst in jüngster Zeit erscheinen auf dem Gebiet „Projektmanagement“ zunehmend umfangreichere Publikationen, die sich mit speziellen Aspekten befassen. Lange Zeit gab es fast ausschließlich Bücher für die Lehre und die Praxis, in denen zumindest der Versuch unternommen wurde, das Gebiet Projektmanagement in der ganzen Breite darzustellen. Das vom Verfasser aufgegriffene Thema hat zur Zeit Hochkonjunktur (vgl. dazu auch das Editorial). Deshalb ist es erfreulich, dass neben einigen Zeitschriftenaufsätzen jetzt auch ein umfassendes Werk vorliegt. Noch erfreulicher ist es, dass es von Gero Lomnitz geschrieben wurde, einem Autor, der bereits durch sein zusammen mit J. Hansel verfasstes und schon in dritter Auflage erschienenes Buch „Projektleiter-Praxis“ rühmlich hervorgetreten ist. Die große Praxiserfahrung und das Verständnis für „soft facts“ in Projekten garantieren dem Leser Schutz vor einer rein technokratischen Anleitung. Am Ende eines jeden Kapitels finden sich kurz gefasste, praktische Empfehlungen. Im Text wird zusätzlich immer wieder auf Probleme hingewiesen, die sich in der rauen Wirklichkeit ergeben können. Außerdem unterstützen den Anwender sehr nützliche Checklisten.
Im ersten Kapitel werden Bedeutung, Ziele und Kernfragen von Multiprojektmanagement erläutert. Hier werden vor allem Multiprojektmanagement und Programmmanagement sehr präzise und überzeugend voneinander abgegrenzt. Die klare Abgrenzung zahlt sich später mehrfach aus.
Im zweiten Kapitel widmet sich Lomnitz dann den sehr differenzierten Aufgaben und Rollen im Multiprojektmanagement. Da es hier viel schwieriger ist, Rollenklarheit zu schaffen als für das Management einzelner isolierter Projekte, wird gerade für dieses Thema viel Platz reserviert. Aufgaben und Verantwortung der Unternehmensleitung, des Projektportfolio-Boards (Synonyme dafür sind u. a. Projektlenkungsausschuss und Lenkungsgremium), des Auftraggebers oder Projektsponsors, des Projektleiters, der Linienvorgesetzten, der Mitarbeiter von Querschnittsfunktionen wie z. B. des Qualitätsmanagements und nicht zuletzt die Aufgaben und die Verantwortung des Multiprojektmanagers werden ausführlich diskutiert. Bei der Figur des Multiprojektmanagers wird noch weiter nach Muss- und Kann-Aufgaben unterschieden. Die völlig andere Rolle des Programmmanagers wird gegenübergestellt.
Im dritten Kapitel, das dem Rezensenten besonders gefallen hat, wird der Planungsprozess im Multiprojektmanagement behandelt. Lomnitz befasst sich hier ausführlich mit Fragen, die in der Projektmanagement-Literatur viele Jahrzehnte geradezu sträflich vernachlässigt wurden. (Am Rande sei hier vermerkt, dass diese Kritik auch etwas abgeschwächt für den Projektmanagement- Fachmann der GPM gilt.) Einfache Instrumente für die Projektauswahl, insbesondere Portfoliotechniken, werden erläutert. Lomnitz hat hier berechtigterweise alle anderen Instrumente, die die Disziplin „Operations Research“ in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat und die sich nicht durchgesetzt haben, ignoriert.
Dem Verfasser sei es gedankt, dass er im Gegensatz zu den meisten anderen Autoren mit aller Deutlichkeit auf die (in der Realität häufig fehlende) Verbindung zwischen Unternehmensstrategie und Projektauswahl hinweist und u. a. auch ein Werkzeug zur Einschätzung der Strategiekonformität eines Projekts vorstellt. Wenn auch auf diesem Gebiet nach Einschätzung des Schreibers dieser Zeilen noch einige weitere Entwicklungsarbeit notwendig ist, weil das Problem noch nicht ganz befriedigend gelöst wurde, so ist hier doch immerhin einmal ein respektabler Anfang gemacht worden.
Auch Kapitel 4 „Reporting im Multiprojektmanagement“ bietet viele neue Informationen und demonstriert, dass das Berichtswesen in einer Multiprojektumgebung beträchtlich erweitert werden muss und erhebliche zusätzliche Anforderungen an die Betroffenen stellt. Sehr interessant sind insbesondere die gebotenen Übersichten über die Beziehungen zwischen den einzelnen Projekten, die ja in aller Regel über den traditionell zumeist nur betrachteten Zugriff auf gemeinsam genutzte Ressourcen hinausgehen. Natürlich könnte man die Interdependenzen noch sehr viel differenzierter darstellen, der Autor hat sich aber aus Gründen der Praktikabilität hier weise beschränkt.
Im Kapitel 5 „Multiprojektmanagement erfolgreich einführen und weiterentwickeln“ spielt Lomnitz seine ganze Erfahrung aus, die er bei Projekten mit dem Ziel des organisatorischen Wandels sammeln konnte, und gibt überaus praxisnahe Ratschläge, wie mit Widerständen umzugehen ist.
Den Abschluss bildet das Kapitel „Projektmanagement- Software“, das von zwei anderen Autoren, einem Unternehmensberater und einem Mitarbeiter von Microsoft, geschrieben wurde. Während der erste Beitrag durchaus befriedigend ausgefallen ist, hätte man sich im zweiten Fall vor allem bei der Ressourcenplanung eine etwas distanziertere Darstellung gewünscht. Wer z. B. einmal die sehr realistischen und auf leidvoller Erfahrung beruhenden Empfehlungen zur Einsatzmittelplanung von Heinz Scheuring in dieser Zeitschrift gelesen hat (Ressourcenplanung: Sache der Linie, Projektmanagement 3/96), der dürfte die Möglichkeiten von MS-Project gerade auf diesem Teilgebiet ein wenig nüchterner sehen. Eine kleine zusätzliche Kritik sei hier noch erlaubt: Die Angaben zur vertiefenden Literatur sind ziemlich spärlich und sollten in einer zweiten Auflage unbedingt erweitert werden. Die wenigen zitierten Quellen sind zum Teil unzureichend beschrieben und deshalb nur durch den Insider identifizierbar.
Abschließende Bewertung: Das Buch von Gero Lomnitz gehört ohne Zweifel zu den wichtigsten Neuerscheinungen der immer umfangreicher werdenden Projektmanagement- Literatur. Die langjährige Praxiserfahrung und das große Wissen des Autors auf dem Gebiet der Organisationspsychologie haben eine sehr gelungene Mischung aus Darstellung von Methoden, Tools und organisatorischen Regelungen einerseits und aus Ratschlägen zur Beachtung der „soft facts“ andererseits entstehen lassen. Wer sich in Zukunft in seiner Organisation mit der Implementierung oder Optimierung des Multiprojektmanagements befassen muss, kommt an diesem Werk nicht vorbei.