Von Heinz Schelle
© GPM-Magazin PMaktuell - Heft 2/2001, Seite 2. Alle Rechte vorbehalten.
Schon einmal, im Editorial des Heftes 3/97 dieser Zeitschrift, hat Walter Eschwei ein Plädoyer für das Messen in Projekten geschrieben und Galileo Galilei mit dem Satz zitiert: „Man muss messen, was messbar ist, und was nicht messbar ist, messbar machen.“ Dieser Ruf ist ganz offensichtlich nicht ungehört verhallt. Die Indizien für einen Trend zur Quantifizierung in Projekten mehren sich. Nur einige Beispiele: Function Point, eine Methode zur Messung des Umfangs eines Softwareprodukts, zur Schätzung der Kosten von Software- Entwicklungsprojekten, zur Ermittlung des Projektfortschritts und der Produktivität, ist im Vordringen begriffen, Datenbanken mit zahlreichen Kennwerten aus abgeschlossenen IT-Projekten werden zunehmend verfügbar gemacht. Mit der Bildung von Metriken in IT-Vorhaben (sowohl projekt- als auch produktbezogen) befasst sich in der Informatik eine ganze Teildisziplin.
Der Beitrag von Manfred Bundschuh im Tagungsband unseres letzten Forums in Frankfurt informiert gründlich über Metriken und Metrikorganisationen. Projektkennzahlen und Projektkennzahlensysteme, lange Jahre stiefmütterlich in unserer Disziplin behandelt, werden aber auch in anderen Branchen populär. Auf unserer schon zitierten Jahrestagung 2000 haben Gunnar George, Ulrich Chr. Füting sowie Günther Lange und Rolf Kaestner entsprechende Konzepte vorgetragen. Reinhard Schnopp hat über die Anwendung von Balanced Scorecard im Anlagenbau, Albert Steinmetz über die Anwendung der McCabe-Komplexitätszahl in der Software-Entwicklung berichtet. Thomas Walenta belebte das Earned-Value-Konzept neu. Sogar die regelmäßige Messung des Klimas im Projektteam mit Hilfe eines Indikators wurde vom Gewinner des Projektmanagement Award 2000, der Firma Vaillant, demonstriert.
Auch auf unserer Tagung „Best Practice im Projektmanagement: IT!“, die im Sommer vergangenen Jahres stattgefunden hat, wurde über eine ganze Reihe von Messkonzepten berichtet.
Schließlich ist auch der Scoring-Ansatz, der unserem Modell „Project Excellence“ zugrunde liegt, nichts anderes als der Versuch, die Qualität des Prozesses und des Prozessergebnisses zu messen.
Auch in diesem Heft der Zeitschrift haben wir zwei Beiträge, die in den allgemeinen Trend passen. Erwin von Wasielewski, der bereits vor mehr als 20 Jahren und damit vermutlich zu früh ein geschlossenes Kennzahlensystem entwickelt hatte, legt ein analytisches Projektmodell vor. Uwe Bracht und Dieter Geckler stellen in ihrem Beitrag mit dem Titel „Messbare Projektstabilität“ einen Simulationsansatz vor, mit dem sich u. a. statistische Aussagen über die wichtigsten Projektparameter gewinnen lassen. Darüber hinaus kann mit der Methodik ausprobiert werden, wie das Projekt auf Änderungen reagieren wird und welche Projektmanagement- Maßnahmen das Änderungsverhalten stabilisieren können.
In dieses kurz skizzierte Bild passt es sehr gut, dass eine Reihe von engagierten GPM-Mitgliedern, darunter Erwin von Wasielewski, darangeht, ein Projekt „Projektkennzahlen“ zu starten. In dieser Nummer ist auf Seite 11 der Aufruf zur Beteiligung zu lesen. Wer in diesem Trend eine Entwicklung zu einem neuen Taylorismus sieht, ist wohl zu pessimistisch, wenngleich zugegeben werden muss, dass mit Kennzahlen und Kennzahlensystemen viel Missbrauch getrieben werden kann, vor allem, wenn sie in die Hände von Laien geraten. Ich bin optimistisch, dass die gleichzeitig zu beobachtende, immer stärker werdende Betonung von „weichen Faktoren“ einer unsachgemäßen Nutzung entgegenwirkt.