Von Jochen Platz
© GPM-Magazin PMaktuell - Heft 3/2000, Seite 2 - 3. Alle Rechte vorbehalten.
Projektsituation: Das Team freut sich, endlich hat sich der Vorstand die Zeit für das Projekt genommen und hört sich die Entscheidungsvorschläge an. Aber Entscheidungen fallen nicht, auch nicht in den nächsten Tagen. Manchen Teammitgliedern wird klar, warum auch im Lenkungsausschuss die Entscheidungen so träge gefällt werden. Das Gegenteil: Projektsitzung. Aktive Stimmung im Team, Kreativität und Leistungswille. Die Tür geht auf, der Firmeninhaber kommt ins Team. Nach 2 Minuten hat er die Führung übernommen, entscheidet die noch nicht völlig geklärten Punkte. Den Projektleiter brauchen wir eigentlich nicht mehr. Vielleicht später mal wieder.
Noch mal das Gegenteil: Nach einem arbeitsreichen Projekttag sitzt das Team bei einem Kaffee beieinander. Der verantwortliche Vorstand kommt zur Tür herein. Niemand versteckt den Kaffeebecher, der Vorstand erhält auch Kaffee, nachdem er die Jacke ausgezogen hat. Und dann die Diskussion: Wo brennt’s? Wo kann ich helfen? Was sollte ich tun, um das Projekt voranzubringen? Drei Situationen aus dem Erleben des Autors. In zwei Fällen laufen die Projekte so lala, trotz Projekthandbuch, Planungstool und großer Worte. Im dritten Fall laufen die Projekte wirklich gut, obwohl die Methodik des Projektmanagements auch nicht besser ist. Wo liegt der Unterschied?
Das Zauberwort heißt Projektkultur: die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen, was die Werte sind, die wirklich zählen, wie die Personen und Gruppen sich verhalten und von welchen Grundannahmen wir ausgehen. Wir wissen, dass die Leistungsfähigkeit von Personen und Gruppen, die Fehleranfälligkeit und das Erfolgsstreben ganz stark von dieser Kultur abhängen. Das Führungsmodell Projektmanagement hat nur einen einzigen Zweck: den Erfolg der Projekte. Es ist kein Selbstzweck. Wer wünscht sich diesen Erfolg nicht? Projektleiter und -teammitglieder streben ihn an, Initiatoren und Auftraggeber fordern ihn und Lenkungsausschüsse glauben alles für den Erfolg zu tun. Aber tun sie auch das Richtige? Da werden die besten Projektmanagement- Tools gekauft, Formulare über Formulare erfunden, und trotzdem gibt es Probleme mit dem Projekterfolg: Termine werden überschritten, die Qualität muss nachgebessert werden, und die anfangs so hervorragende Wirtschaftlichkeit des Projektes schmilzt auf einen kümmerlichen Rest zusammen.
Viel zu viel Aufwand wird – relativ – in die Methodik des Projektmanagements gesteckt, viel zu wenig Aufwand in die Fragen der Kultur, des Verhaltens, des zielgerichteten gemeinsamen Handelns, des Lösens der Bremsen, um allen Beteiligten die optimalen Entfaltungsmöglichkeiten zu geben.
Suchen Sie einmal belastbare, handgreifliche Informationen zum Thema Projektkultur! Schauen Sie mal in die Projektmanagement- Handbücher der Firmen. Blättern Sie mal durch die Stichwortverzeichnisse der Projektmanagement-Literatur. Gähnende Leere. Zur x-ten Anordnungsbeziehung gibt es jede Menge Artikel. Gott sei Dank hier und da eine erfreuliche Ausnahme. Eine Frage drängt sich auf: Wollen wir denn überhaupt den Erfolg der Projekte? Oder wollen wir uns hinter unserer schönen Methodik verstecken?
Die Frage der Prägung der Projektkultur? Hier fangen die Schwierigkeiten an. Was ist denn eigentlich eine geeignete Projektkultur? Welche Ausprägungen hat sie? Wie gestalten wir diese „gute“ Projektkultur? Manchmal geht das (zu) einfach: Da gibt es in den Firmen wunderbare Hochglanzbroschüren, in denen wir von der „vertrauensvollen Zusammenarbeit“ und ähnlichen schönen Visionen lesen – und in der Praxis wird befördert, wer andere übertrifft und seine Interessen durchsetzt, nicht wer gemeinsame Erfolge ermöglicht. Warum verhalten sich Personen so? Prinzipiell verhält sich jeder so, dass er sein Verhalten unter den gegebenen Umständen für richtig hält. Das ist wichtig: Jeder hält sein Verhalten für richtig! Das Problem der Zusammenarbeit in unseren Projekten ist, dass sich unterschiedliche Personen unterschiedlich verhalten, weil sie unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was richtig ist. Kultur lebt nicht von den offiziellen, manchmal auch allen bekannten Verfahrensanleitungen, sondern von den tatsächlichen Spielregeln im Unternehmen.
Wann wird ein Verhalten als richtig angesehen? Wenn es in Übereinstimmung mit den Randbedingungen und den Werten, Normen, Glaubensvorstellungen und Einstellungen der Person ist. Unterschiedliche Personen haben auf Grund ihrer unterschiedlichen Lebenserfahrungen natürlich unterschiedliche Werte etc. Die Werte, Normen etc., die wir in unseren Projekten gemeinsam haben und die damit zu einem gleichartigen Verhalten führen, sind unsere fördernde Kultur, unsere Projektkultur. Da, wo wir keine Gemeinsamkeit haben und sie auch nicht anstreben, haben wir eine bremsende Kultur. Die resultierende Projektkultur bestimmt unser Handeln und damit unseren Projekterfolg. Sie müssen wir prägen.
Wir haben so große Fortschritte in der Klärung und auch im Einsatz der Methodik des Projektmanagements erreicht. Nun wird es Zeit, genauso große Fortschritte auch in den Bereichen des Verhaltens und der Projektkultur zu erzielen. Dazu sind wir alle aufgerufen, zum Wohl unserer Firmen und unserer Volkswirtschaft. In diesem Heft finden Sie einen ersten Artikel dazu, wer regt unsere Überlegungen mit der nächsten Ausarbeitung an?