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Gerhard Nagel: Wagnis Führung. 365 Tage aus dem Leben eines Change- Managers
Hanser Fachbuch 1999, 321 Seiten, ISBN: 9783446211506.


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Kundenbewertung: 4.0 Sterne (13 Rezensionen)


Buchbesprechung von Heinz Schelle
© GPM-Magazin PMaktuell - Heft 2/2000, Seite 49 – 50. Alle Rechte vorbehalten.
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Als ich vor einigen Wochen das Buch zur Rezension in die Hand bekommen habe, da drückte ich mich eine Zeit lang vor der Lektüre. Ich hatte noch den unsäglich langweiligen Projektmanagement-Roman „Der Termin“ von Tom DeMarco (siehe Besprechung in Projektmanagement 4/99) in schlechter Erinnerung und wollte nicht wieder beim Lesen einschlafen. Dann gab ich mir doch einen Ruck, war allerdings fest entschlossen, bei den ersten ermüdenden Passagen aufzuhören. Aber ich hörte nicht mehr auf und las und las, und das Buch wurde immer spannender. Das Werk, das der Unternehmensberater Nagel geschrieben hat, besteht aus zwei Teilen: aus den sehr ausführlichen Tagebucheintragungen der Hauptfigur Bernd Schwaiger und aus einer Reihe von Methodik-Modulen. Beide Teile sind stark miteinander verknüpft. Bernd Schwaiger, ein ehrgeiziger Manager, der sich schon in anderen Firmen bewährt hat, wird Zweit-Geschäftsführer mit der Option auf die Unternehmensnachfolge in einem Druckereibetrieb (Klinger Druck) mit etwa 100 Mitarbeitern. Neben ihm ist Peter Klinger Geschäftsführer. Er hat den Betrieb von seinem Vater übernommen und ist Drucktechniker mit Leib und Seele. Von betriebswirtschaftlichen Fragen hat er wenig Ahnung. Die überlässt er – in mittelständischen Unternehmen nicht ganz unüblich – einem nicht übermäßig befähigten Steuerberater. Daneben gibt es zwei externe Gesellschafter, die durch eine Kapitalzuführung dem Unternehmen schon einmal aus der Krise geholfen haben, und natürlich viele Mitarbeiter, die in das Geschehen eingreifen.

Schon mit der Wahl der Branche hat Nagel einen guten Griff getan. Seine Beratungsaktivitäten konzentrieren sich nämlich vor allem auf die Publishing- und Printing-Branche, und das tut der Realitätsnähe des Buches sehr gut. (Zur Nachahmung empfohlen: Nagel erläutert Fachausdrücke der Branche immer in einer Fußnote.) Aber weiter in der Geschichte: Schon bald erkennt Schwaiger, dass die Firma, deren Ertrag stark abnimmt und die vorübergehend in Liquiditätsschwierigkeiten gerät, „die Jahrtausendwende nicht lange überleben wird“, wenn sie sich nicht intensiv der Digitaltechnik zuwendet. So etwas wie eine Unternehmensstrategie gibt es bei Klinger Druck allerdings nicht. Hinzu kommen eine Unmenge Mängel vor allem in der Ablauforganisation, im Rechnungswesen und im Vertrieb. Leider sieht außer Schwaiger kaum einer den enormen Wandlungsbedarf. Killerphrasen wie „Wir stehen doch noch ganz gut da !“ und „Da müssten Sie erst mal einige Wettbewerber von uns sehen!“ machen die Runde. Vor unserem „Helden“, der mit all seinen Stärken und Schwächen gezeichnet wird, türmt sich nun ein gewaltiger Berg von Arbeit und Problemen auf, den er mit Elan angeht. Viele Rückschläge und Selbstzweifel hat er auf seinem steinigen Weg zu überwinden. Hinzu kommt, dass es mit seiner Ehefrau und seiner Tochter, die ihm zunächst nicht zum Firmensitz gefolgt sind, immer wieder wegen seines beruflichen Engagements zu Konflikten kommt. Der häufige Griff zur Whisky-Flasche löst die Schwierigkeiten natürlich nicht.

Was Nagel aus der kurz skizzierten Situation macht, ist bewundernswert. Die vielen beruflichen und privaten Probleme eines Managers, der sich zur Aufgabe gesetzt hat, ein Unternehmen in das dritte Jahrtausend zu führen, werden so realistisch geschildert, dass man einfach immer weiterliest. Vor allem Bernd Schwaiger wird einem zunehmend sympathischer. Man fühlt und leidet mit ihm. Aber auch die übrigen Akteure, die häufig Widerstand gegen den angestrebten Wandel leisten und teilweise Intrigen spinnen, erscheinen uns als Menschen von Fleisch und Blut, deren Handeln bzw. Nicht-Handeln man zwar häufig als Leser nicht billigen, wohl aber verstehen kann.

Natürlich beschränkt sich Nagel nicht auf das spannende Erzählen, sondern macht immer wieder kritische oder bestätigende Randbemerkungen zu den Aktionen und Reaktionen der Hauptfiguren oder verweist auf die entsprechenden, kurz gefassten Module im Methodenteil. Das vom Autor angestrebte Aha-Erlebnis stellt sich immer wieder intensiv ein. Beschämt muss man registrieren, welche Fehler man selbst bei Projekten gemacht hat.

Ganz nebenbei sei vermerkt, dass das Buch in gutem Deutsch geschrieben und handwerklich sehr gut gemacht ist. Die zahlreich in das Tagebuch eingestreuten Amerikanismen (canceln, Highlight, Workflow usw.) stören hier ausnahmsweise einmal nicht, weil sie eben heute zur Sprache des Managers gehören. Ein winziges, aber hoch zu lobendes Detail: zwei Lesezeichen, eines für das Tagebuch und eines für den Methodenteil.

Kommen wir zum Schluss: Das Buch ragt aus der kaum mehr zu überblickenden Menge von Publikationen zum Thema „Change Management“ weit heraus. Besser und unterhaltsamer kann man die Probleme, die sich beim technischen und organisatorischen Wandel in Unternehmen stellen, und die Lösungsmöglichkeiten nicht schildern. Um mit Gerhard Polt zu reden: Wie im wirklichen Leben! Das Werk sollte zur Pflichtlektüre jedes Projektmanagers werden.


---> Zum Inhaltsverzeichnis von PMaktuell - Heft 2/2000

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