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Buchbesprechung von Heinz Schelle
© GPM-Magazin PMaktuell - Heft 1/2000, Seite 51. Alle Rechte vorbehalten.
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Wer sich in der Literatur über das Thema „Projektsteuerung“ informiert, wird in aller Regel enttäuscht sein. Natürlich findet man zumeist eine Auflistung der verschiedenen prinzipiellen Möglichkeiten, Terminverzug aufzuholen und Kostenüberschreitungen bzw. die Verfehlung von Sachzielen wieder in den Griff zu bekommen, die Anweisungen bleiben aber im Gegensatz zu den Handlungsvorschriften, die z. B. für die Projektstrukturierung und die Ablaufplanung vorliegen, merkwürdig blutleer. Ganz anders ist es in diesem Buch, das sich mit dem selten in der Literatur behandelten Thema der Projektkrise befasst, einer Situation, die natürlich die höchsten Anforderungen an die Projektsteuerung stellt.

Neubauer weiß, wovon er spricht. Er ist bei einer bekannten Unternehmensberatung verantwortlich für große Entwicklungsprojekte. Er stellt zunächst die paradoxe Frage: Was muss ich tun, wenn sich eine übertragene Aufgabe als unlösbar erweist? Etwas präziser formuliert: Welche systematischen Ansätze gibt es zur Lösung von „unlösbaren“ Problemen? Und dann die weiteren Fragen: Wie lassen sich die persönlichen Probleme in solchen schwierigen Situationen für die Beteiligten akzeptabel gestalten? Lässt sich Krisenmanagement systematisieren?

Ausgehend von dieser Fragestellung wird zunächst der typische Verlauf einer Krise geschildert und konstatiert, dass perfektes Projektmanagement zwar die Wahrscheinlichkeit von Krisen reduziert, aber nicht in jedem Fall verhindern kann. Neubauer entwirft dann eine Methode und ein Vorgehensmodell zur Bewältigung von Projektkrisen. Ausgangspunkt dieser Methodik ist die Prämisse, dass Auftraggeber wie Auftragnehmer ein Interesse an der Lösung haben müssen. Die Bezeichnung, die für die Methodik gewählt wird, nämlich KOPV, ein Akronym für „Kommunikationsorientiertes Problemverlagern“, deutet schon an, worum es dem Verfasser geht: um die Neuformulierung von Problemstellungen und die Verlagerung des Blickwinkels, aus dem das Problem betrachtet wird.

Dabei ist in aller Regel Hilfe von außen erforderlich, weil die von der Krise geschüttelten Parteien oft in Panik handeln und neue, unkonventionelle Möglichkeiten der Problemlösung nicht sehen. Als Voraussetzung für das Krisenmanagement ist insbesondere eine genaue Beschreibung der Krise und vor allem der Motive und Ziele der beteiligten Personen erforderlich. Hier zeigt sich wieder einmal, wie wertvoll der Stakeholderansatz nicht nur für die Zielformulierung in Projekten ist.

In den weiteren Ausführungen werden die psychologischen Aspekte einer Krise beschrieben und Verhandlungsvorbereitung und Verhandlungsmethoden dargestellt. Ob die interessante Kategorisierung von Persönlichkeiten in der Krise dem Stand der psychologischen Forschung entspricht, kann der Rezensent allerdings nicht beurteilen. Als Praktiker bleibt Neubauer freilich nicht bei der Theorie stehen, sondern schildert seine Vorgehensweise an einem sehr realistischen Beispiel aus dem Softwarebereich, an einem Projekt mit dem Ziel der Entwicklung eines E-Mail-Systems. Das Buch wird abgeschlossen durch ein Kapitel „Juristisches Basiswissen für die Krisenbewältigung“ und Hilfen zur Dokumentation (Projektordner) und Checklisten.

Das sehr originelle Werk, das meines Wissens keine Vorgänger hat, zeigt wieder einmal, dass die Disziplin „Projektmanagement“ keineswegs am Ende ihrer Entwicklung steht, sondern dass immer wieder neue Fragestellungen aufgegriffen und Lösungsansätze gefunden werden. Das Buch ist für jeden zu empfehlen, der häufiger in Projektkrisen steckt und dabei nicht den Kopf verlieren will.


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