Von Heinz Scheuring
© GPM-Magazin PMaktuell - Heft 1/2000, Seite 2 - 3. Alle Rechte vorbehalten.
Das neue Millennium ist da: Wir schreiben das Jahr 2000. Auch im Projektmanagement stellt sich die Frage, welche Perspektiven sich in diesem größeren Rahmen eröffnen. Die Kenner der Szene sind sich einig: Der Erfolg hoch entwickelter Gesellschaften liegt zunehmend im Bereich der Innovationen. Die Dynamik, die Veränderungsgeschwindigkeit und die damit verbundenen Chancen und Risiken sind allgegenwärtig. Und kaum jemand geht davon aus, dass unsere Gesellschaft in den nächsten fünfzig oder hundert Jahren zur Ruhe kommt. Die Konsequenz: Ein stetig wachsender Teil unserer Arbeit ist projektorientiert. Routineaufgaben werden zunehmend auf Volkswirtschaften übertragen, die diese genauso gut, jedoch wesentlich kostengünstiger bewältigen. Und dies ist im Hinblick auf den globalen Ausgleich auch gut so. In unseren Breitengraden können wir somit langfristig nur dann überleben, wenn wir in der Lage sind, Herausforderungen im innovativen Bereich anzunehmen und zu meistern. Der professionelle Umgang mit Veränderungen und damit Projekten ist zum Erfolgsfaktor par excellence geworden.
Zuversichtlich stimmt, dass diese Zusammenhänge im Gespräch mit Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Ausbildung anerkannt werden. Wer der Weiterentwicklung des Projektmanagements verpflichtet ist, darf sich mit der Erkenntnis allein aber nicht begnügen. Projektmanagement- Experten werden nicht an Einsichten, sondern an konkreten Maßnahmen und Resultaten gemessen. In den vergangenen zehn, zwanzig Jahren sind wir denn auch ein gutes Stück vorangekommen. Jedoch: Setzen wir unsere Kräfte am richtigen Ort ein? Ist es nicht eher so, dass wir von Spezialisten-Events zu Experten-Workshops hetzen, statt die Weichen grundsätzlich und wirklich langfristig zu stellen?
Konkret: Finden unsere Bestrebungen dort Eingang, wo Kompetenzen und Haltungen nachhaltig geprägt werden - in den Klassenzimmern? Werden Fähigkeiten wie vernetztes Denken, effektives Arbeiten in Gruppen, überzeugendes Präsentieren von Lösungen, spontane - und systematische - Kreativität, zielgerichtetes Planen und Bearbeiten von Projekten im engeren Sinn, aber auch Methoden des Lernens heute fundiert und stufengerecht vermittelt? Wird nicht auch heute noch von der Grundschule bis zur Universität primär reproduzierbares Fachwissen gepaukt, ungeachtet der Tatsache, dass die Halbwertszeit dieses Wissens laufend sinkt? Darf es sein, dass übergreifende Kenntnisse und Fähigkeiten, die in praktisch allen Lebenslagen und Berufsbildern von größter Bedeutung sind, dem ohnehin immer bruchstückhaften Sachwissen zum Opfer fallen?
Es ist verhängnisvoll, wie passiv unsere Schulen den veränderten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Anforderungen gegenüberstehen. Wie hilflos finden wir als Projektmanagement- Trainer auch Absolventen höherer Schulen immer wieder vor, wenn es darum geht, schon ein mäßig komplexes Vorhaben "anständig" zu strukturieren und in einen kommunizierbaren Plan zu übersetzen. Die Fähigkeit, Probleme zu strukturieren und kreativ zu lösen, erreicht auch hier meist nur elementares Niveau. Dabei wird etwa von Absolventen der Ingenieurschule nicht fachliches Detailwissen gefordert, das sich im Berufsalltag ohnehin vom Schulwissen unterscheidet. Man wird von ihnen erwarten, für die raschen Veränderungen in Wirtschaft und Technologie rasch und effizient innovative Lösungen zu erarbeiten und erfolgreich umzusetzen. Das Defizit in dieser Hinsicht ist beängstigend.
Die Schweizerische Gesellschaft für Projektmanagement SPM antwortet auf diese Herausforderung mit der Initiative SwissPM - Swiss Project Management. Mit dem Vorhaben will die SPM die Schweiz zu einem internationalen Kompetenzzentrum für Projektmanagement machen. Projektmanagement soll zum nationalen Programm werden. Die SwissPM-Ziele in Kürze: Projektmanagement wird Teil der Arbeitskultur von Unternehmen, Organisationen und Einzelpersonen und wird bei der Lancierung und Umsetzung von Innovationen und Veränderungen konsequent eingesetzt und gelebt. Projektmanagement wird über alle Branchen und Bereiche zum Basiswissen, das Denken und Handeln in Projekten und Innovationen begleitendes Thema über sämtliche Stufen der Ausbildung. SwissPM fordert eine grundlegende Neudefinition der Prioritäten im Bildungswesen. Das Motto: Die Fertigkeit, Wissen zu erwerben und Probleme zu lösen, steht über dem Wissen um gelöste Probleme. Dabei ist die Aufnahme- und Begeisterungsfähigkeit gerade im frühen Kindesalter für diesen Zweck zu nutzen. Dass diese Fähigkeiten und Werthaltungen sich nicht nebenbei erwerben lassen, versteht sich von selbst. Sie müssen durch Profis systematisch, von Grund auf, entwickelt werden.
Neben den Maßnahmen im Bereich der obligatorischen Schulbildung umfasst SwissPM unter anderem: die deutliche Verstärkung des Themas an höheren Schulen und Berufsschulen, den weiteren Ausbau der Anerkennung und Zertifizierung von Projektmanagern, den Aufbau einer - primär Web-basierten - umfassenden Informations-Börse zum Thema sowie die Gründung eines Schweizerischen Institutes für Projektmanagement SIPM.
Auch wenn SwissPM sich noch in der Aufwärmphase befindet, konnten erste Etappen bereits erreicht und weitere Projekte initiiert werden. So hat eine repräsentative Studie zur Nachfrage der Wirtschaft nach Hochschulabgängern mit vertieften Projektmanagement-Kenntnissen die Stoßrichtung der Initiative voll bestätigt. Ein viersemestriges Projektmanagement- Nachdiplomstudium ist in Vorbereitung. Über eine offizielle Gruppe von Fachhochschulvertretern sind Konzepte zur Verstärkung der klassischen Studiengänge im Entstehen. Und nicht zuletzt ist über Öffentlichkeitsarbeit auf verschiedenen Ebenen, auch auf der politischen, Bewegung in die Sache gekommen.
Die Reaktionen auf die Initiative sind praktisch ausnahmslos positiv. In allen Bereichen und bis auf die höchste Ebene von Politik und Wirtschaft wird bestätigt, dass SwissPM als Vorhaben von enormer Bedeutung entschieden vorangetrieben werden sollte. Doch es reicht nicht, die Defizite zu kennen und bestehende Strukturen und Werte kritisch zu hinterfragen. Es geht darum, möglichst unbürokratisch die berühmten "Nägel mit Köpfen" zu machen. Und in dieser Disziplin zählen wir Europäer leider nicht zur Weltspitze.
Im Klartext: Der wirkliche Durchbruch für SwissPM steht noch aus. Ein starkes Engagement von Wirtschaft und Politik ist Voraussetzung dafür, dass sich die Vision einer projektorientierten Gesellschaft, um einen von Roland Gareis geprägten Begriff zu verwenden, realisieren lässt. Dabei muss uns Projektmanagement- Spezialisten klar sein, dass dies nicht allein die Aufgabe von Projektmanagement- Vereinigungen sein kann. Die Gesellschaft als Ganzes ist hier gefordert, nimmt das Vorhaben in seiner vollen Ausprägung doch volkswirtschaftliche und gesellschaftliche Dimensionen an.
Fassen wir zusammen: Das Denken und Handeln in Projekten und Innovationen muss auf breitester Basis auf eine neue Ebene des Bewusstseins gehoben werden. Es bietet sich in der Zeit rascher und radikaler Veränderungen keine Alternative hierzu. SwissPM ist der Versuch, in diese Richtung Fahrt zu bekommen.
Als Autor und Programmleiter möchte ich zum Schluss noch darauf hinweisen, dass die Fokussierung der Initiative auf die Schweiz aus der Überlegung heraus entstanden ist, sich auf das - hoffentlich - Machbare zu konzentrieren. Dieses Editorial soll aber signalisieren, dass der Dialog auch weiterhin über die Landesgrenzen hinweg geführt werden muss.